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„Little Joe“: Wer widersteht der Wunderblume?

Emily Beecham wurde für ihre Rolle als Gentechnikerin Alice in „Little Joe“ mit dem Schauspielpreis in Cannes ausgezeichnet.
Emily Beecham wurde für ihre Rolle als Gentechnikerin Alice in „Little Joe“ mit dem Schauspielpreis in Cannes ausgezeichnet.(c) Filmladen
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Jessica Hausners „Little Joe“ ist ein faszinierendes Sittenbild: Eine künstlich kreierte Pflanze nimmt Menschen die Angst vor Veränderung – offenbar aber auch jede Emotion.

„Little Joe“ ist ein Sittengemälde: Es erzählt nicht von großen Umwälzungen oder Schicksalsschlägen – sondern es beschreibt den Empfindungszustand bestimmter Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Hier ist es die Gegenwart, der Handlungsort ist deutlich erkennbar Großbritannien, wo Biotechnologen wie Alice (Emily Beecham) und Chris (Ben Wishaw), die Genmanipulation mit dem Saatgut von Pflanzen betreiben, zur zeitgenössischen Wirklichkeit gehören. Brexit und Klimawandel schwingen aus der Ferne mit. Aber Gegenstand der Analyse der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner, die hier erstmals einen Film auf Englisch – und erstmals außerhalb des europäischen Festlands – gedreht hat, ist das soziale Verhalten der Figuren, der Status ihres Liebeslebens, ihrer familiären Bindungen, ihres beruflichen Daseins.

Wie fast immer in Sittengemälden hat sich die dargestellte Gemeinschaft auch hier nach innen verlagert und gegen die Außenwelt abgeschirmt. Alice unterhält eine innige Beziehung zu ihrem Sohn, Joe, und ein funktionierendes Arbeitsverhältnis zu ihrem engsten Kollegen, Chris. Seit ihrer Scheidung hat Joe die Mutter immer zuverlässig dem Vater vorgezogen. Chris ist ihr nie zu nahe gekommen, obwohl er ihr schon mehrfach Avancen machte. Dass der feste Glaube an die Beständigkeit eines bestimmten Lebensentwurfs als Selbsttäuschung entlarvt ist, sobald ein Zerwürfnis im Gang oder ein Verlust zu beklagen ist, ist allerdings nicht die originellste Erkenntnis, die Hausners Drama mit satirischen Untertönen zu bieten hat. Interessanter ist, dass sie genauso das Prinzip einer generellen Befürwortung von Veränderungen infrage stellt.

Little Joe, eine wunderliche Blume, von Alice und Chris im Labor kreiert, soll jeden, der an ihr riecht, glücklich machen. Aber die Infektion mit ihrem Blütenstaub bewirkt auch eine befremdlich anmutende Akzeptanz von Veränderung, die von keinerlei Wehklagen oder leidenschaftlichen Gefühlsregungen mehr begleitet wird: keine Trauer, keine Wut, keine Furcht. Wer diesen Empfindungen immer noch nachgeht und den Eintritt in die Gemeinschaft der Glückseligen verweigert, wird wie ein Sorgenkind behandelt oder ganz ausgesondert. Emotionale Unerregbarkeit: In der schönen neuen Welt ein kategorischer Imperativ.

 

Den Infizierten traut man nicht

Obwohl „Little Joe“ klare Anleihen bei Horrorfilmen nimmt (speziell bei den vielen Verfilmungen und Variationen von Jack Finneys „Die Körperfresser kommen“, in denen sich Aliens in die Hirne ihrer menschlichen Wirte einschleichen), wird stets im Ungewissen belassen, ob die fantastisch anmutende Erklärung vom parasitären Pollen wirklich stimmen kann. Ein verliebter Schüchterling küsst nach einer Reihe von Rückschlägen ungefragt seinen Schwarm, ein Bursche in der Pubertät will nach jahrelanger Bemutterung zu seinem Vater ziehen und der cholerische Chef von Alice überwindet endlich seine Skepsis gegenüber ihrem Projekt: Nicht zu Unrecht weist Chris die Annahme als Verschwörungstheorie zurück, dass allein die Pflanze für diese Entwicklungen verantwortlich sein soll. Aber aus dem Mund eines mutmaßlich infizierten Wissenschaftlers klingen die beschwichtigenden Worte automatisch unglaubwürdig – genauso wie die apokalyptischen Reden der Außenseiterin Bella (Kerry Fox), die von schleichender Unterwanderung spricht.

Wem ist also zu trauen? Dem stoischen Forscher oder der hysterischen Prophetin? Oder könnte die Pflanze nicht auch nur Projektionsfläche für verdrängte Wahrheiten und unterdrückte Begierden sein? Ihr Unvermögen zur eigenständigen Reproduktion ein latenter Hinweis auf den Tod? Die notorische Sorge, zu der sie ihre Pfleger animiert, ein Zeichen für den unbefriedigten Wunsch, dass ein in die Welt gesetztes Lebewesen immer bedürftig bleiben möge?

Hausner wirft Fragen dieser Art im Minutentakt auf, lässt sich aber nie zu einem Plot-Twist mit einer alles erklärenden Antwort hinreißen. Während die Erzählung zu allerhand Spekulationen einlädt, bleibt ihre ästhetische Ausgestaltung über weite Strecken im Bann der Blume gefangen. In Kamerafahrten entlang der aufgereihten Ableger des gentechnisch erzeugten Saatguts treten die Personen nur im Hintergrund auf und fallen immer wieder aus dem Einstellungsrahmen. Mensch und Pflanze wirken wie auf eine Stufe gestellt, wie ebenbürtige Gegner im Kampf um die Aufmerksamkeit der Kamera: ein faszinierender, absurder und aufschlussreicher Film – ab Freitag im Kino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2019)