Miniserie

„Catherine the Great“ : Helen Mirren als liebestolle Zarin

Helen Mirren als Katharina II.: Ihre Blicke können töten – oder „sie isst die Männer lebendig!“
Helen Mirren als Katharina II.: Ihre Blicke können töten – oder „sie isst die Männer lebendig!“(c) Sky UK Ltd.

„Catherine the Great“ (HBO/Sky) interessiert sich weniger für die Regentschaft als für die Affären der Zarin. Das ist schade. Helen Mirren spielt die Hauptrolle grandios.

Wenn Ilyena Lydia Vasilievna Mironova mit rot gepuderten Wangen und einer zur Turmfrisur ondulierten Perücke durch den von Kronleuchtern nur flackernd erhellten Palast schreitet, dann ist sie Herrscherin par excellence: Eine stolze Frau, die ihren Machtanspruch skrupellos durchsetzt, die den intriganten Adeligen am Hof intellektuell und taktisch überlegen ist – und die sich etwas gönnt, was für Frauen ihrer Zeit verpönt war: wechselnde Liebhaber und Spaß am Sex. Für Mironova – besser bekannt als Oscar-Preisträgerin Helen Mirren – ist die Rolle der Katharina II. ein Abstecher in die aristokratische russische Vergangenheit ihrer Vorfahren. Mirren stammt von Graf Michail Kamenski ab, der als Feldmarschall unter Katharina II. diente, die als einzige Herrscherin überhaupt den Beinamen „die Große“ erhielt. 34 Jahre lang lag das Schicksal des Zarenreichs in der Hand der deutschen Prinzessin, die 1762 durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen war und den Einflussbereich Russlands wie kein Herrscher vor ihr ausdehnte. Genug Stoff also für ein historisches „Game of Thrones“.

 

Wenig Politik, mehr Liebesleben

Doch allzu viel politischen Hintergrund darf man sich bedauerlicherweise in der HBO/Sky-Serie „Catherine the Great“ nicht erwarten. Freilich: Auch hier wird gegen die Zarin gelästert und intrigiert, die ihrerseits geschickt die Fäden zieht, an denen Schicksale hängen. Männer verlieren auf ihr Geheiß den Kopf, andere ziehen in den Krieg gegen die Türken oder gegen aufständische Bauern. Aber das alles dient vor allem als Kulisse für das Liebesleben der Zarin, insbesondere für ihre Liaison mit Grigori Potjomkin, jenem Mann, dem – fälschlicherweise – nachgesagt wird, er habe Dorfkulissen mit falschen Bewohnern bevölkert, um Katharina II. auf einer Reise nach Neurussland über die Zustände dort zu täuschen.

Dass ihre bewegte Regentschaft auf ihre Bettgeschichten reduziert wird, die ein gefundenes Fressen für die Klatschmäuler und Karikaturisten ihrer Zeit waren, ist schade. Es mag der Tatsache geschuldet sein, dass „Catherine the Great“ keine epische Serie ist, sondern mit vier Teilen ein vergleichsweise knappes Historiendrama. Showrunner Philip Martin („The Crown“) und Autor Nigel Williams („Elizabeth I.“) erfreuen mit ihrem Sinn für Pomp und höfisches Zeremoniell, statten die Serie auch mit zeitgenössischer Leichtigkeit und saloppen bis vulgären Dialogen aus – selbst für die Zarin. Dennoch bleibt Helen Mirrens Darstellung von Katharina II. bis hin zum Tête-à-Tête im Badehaus sehr würdevoll. Mirren erzählt mit ihren Blicken Bände – in dem Fall können sie töten, oder es passiert, was man einander zuraunt: „Sie isst die Männer lebendig!“ Joseph Quinn ist als Katharinas Sohn Paul ein blasser Möchtegernverschwörer. Und während Richard Roxburgh als Grigori Orlow noch die Wunden des geschassten Liebhabers leckt, kommt Jason Clarke als viriler neuer Favorit ins Spiel: Ein Fürst Potjomkin, dessen Attraktivität die Zarin so fasziniert wie sein Witz und seine Intelligenz. Er braucht ein bisschen, bis er es kapiert: „Es ist ein Spiel – spiel mit!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2019)