So lang ist es noch nicht her, dass die drittstärkste Partei den Dritten Nationalratspräsidenten stellt. Erst 1983 wurde das zur Gewohnheit.
Wien. Sehr intensiv haben die Grünen nicht dafür gekämpft, dass ihre Kandidatin Eva Blimlinger Dritte Nationalratspräsidentin wird. Fast schien es so, als sei es schon grüne Folklore, den freiheitlichen Kandidaten nicht allein antreten zu lassen – wissend, dass dieser letztlich ohnehin gewählt wird. Norbert Hofer als FPÖ-Kandidat hat sich am Ende klar durchgesetzt, weil ÖVP, SPÖ und Neos auf die Usancen im Hohen Haus verwiesen, einen Vertreter der drittstärksten Partei auf diesen Posten zu wählen.
Eine Usance? Damit ist es eigentlich nicht weit her. In der Zweiten Republik gab es lange Zeit ganz andere Usancen: Während der großen Koalitionen nach 1945 war es üblich, dass die stärkste Partei den Ersten Präsidenten stellt, die zweitstärkste Partei den Zweiten Präsidenten und die Nummer eins dann wiederum den Dritten Präsidenten. So war der spätere Bundeskanzler Alfons Gorbach (ÖVP) jahrelang Dritter Nationalratspräsident. Nur ein einziges Mal wurde von dieser Vorgangsweise abgegangen: 1953 wurde Karl Hartleb, Klubchef der FPÖ-Vorgängerpartei VdU, für eine Periode zum Dritten Präsidenten gewählt.
Auch die Alleinregierungen von ÖVP (ab 1966) und SPÖ (ab 1970) behielten das so bei: Beide Parteien überließen der jeweils anderen den Zweiten Präsidenten, besetzten aber selbst den Posten des Dritten. Nicht einmal, als Bruno Kreisky im Jahr 1970 für seine Minderheitsregierung die Unterstützung der FPÖ benötigte, überließ er ihr einen Platz im Nationalratspräsidium.