Sie geben jedem Fernsehsender seinen Charakter, sein Gesicht. Der Abschied von Danielle Spera vom ORF verdeutlicht einmal mehr, wie wichtig Nachrichtenmoderatoren für die Sender und fürs Publikum sind.
Sie sind die, die uns erklären, was los ist in der Welt. Den Terror. Die Flut. Die Wahlen und Revolten. Sie destillieren die Substanz aus den Wortkaskaden mancher Interviewpartner. Sie sind die Überbringer vieler schlechter und nur weniger guter News (einschließlich des Wetters). Sie geben jedem Fernsehsender seinen Charakter, sein Gesicht. Anchormen (Schlüsselfiguren) nennen mittlerweile nicht nur die Amerikaner ihre wichtigsten TV-Moderatoren.
Ohne sie würden den TV-Stationen wichtige Identifikationsfiguren fehlen, davon ist auch Frank Hartmann, Professor für Geschichte und Theorie der visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar überzeugt: „Personalisierte Information ist heutzutage wichtiger denn je. Das allseits gebildete Individuum ist ein unerreichbares Ideal. Wir sind eher ,Herdentiere‘, die ihren ,Leithammel‘ brauchen – also jemanden, der vorselektiert, was denn nun wichtig ist und was nicht, gemäß der Einsicht, dass in den Nachrichten nicht vorkommt, was wichtig ist, sondern das, was andere für wichtig halten.“
Kompetenz wird projiziert. „Wir finden uns mehr denn je in der Position des beobachtenden Beobachters. Dabei ist es nicht nötig, dass wir im Publikum uns mit den Nachrichtensprechern identifizieren. Wir projizieren aber gern Kompetenz auf diese repräsentativen Medienfiguren“, sagt Hartmann. Das geht so weit, dass sich die Zuschauer mitunter ihre eigene Realität zimmern: „Nehmen wir Günther Jauch – der wird für superintelligent gehalten, dabei liest er die Antworten in seiner Quizshow nur vom Teleprompter ab.“ Egal. Der Moderator hat für das Publikum da zu sein. Immer. Er und sein Schicksal sind quasi öffentliches Gut – mit allen Vor- und Nachteilen, die so eine Stellung birgt.
Schicksale im Boulevard. Nehmen wir z.B. Robert Hochner: Sein Krebstod 2001 war kein stiller. Schicksale wie seines beleben den Boulevard. Selbst posthum wurde noch über Streitereien um Hochners letztes Interview zwischen „News“ und „Falter“ berichtet. Es gibt aber auch heitere Begebenheiten: Ingrid Thurnhers Frisur etwa fand 2008 sogar Eingang in die Berichterstattung des „Profil“. Und als der toughen Moderatorin einst der aberwitzige Otto Waalkes unter dem Moderatorenpult einen Turnschuh anzog, amüsierte sich die Stammtischnation über den dreisten Bruch der „ZiB“-Etikette.
Oft nutzen Moderatoren ihre starke Position in der Gesellschaft auch, um etwas zu bewegen. Danielle Spera hat sich für die Brustkrebshilfe eingesetzt. Und ihr „ZiB2“-Kollege Armin Wolf, der am 21.Juni aus der Bildungskarenz zurückkehrt, für mehr Unabhängigkeit im ORF. Seine scharfe Kritik hat eine Lawine losgetreten, deren Grollen bis heute nachklingt. Wäre Wolf nicht ein starker, angesehener Anchorman, seineKritik wäre ungehört verhallt.
Kein Wunder, dass sich diese Leute– getragen von der Sympathie der Fernsehnation (nur wem diese beschieden ist, der bekommt die Chance zum großen Auftritt) – als selbstsichere Persönlichkeiten präsentieren. „Was vermittelt wird, wirkt zunehmend personalisiert“, sagt Hartmann über die News. Gut so. „Wenn jemand nicht so wie früher üblich als quasi amtlicher Verlautbarer auftritt, dann können sich die Zuschauer dazu besser verhalten.“
Frauen mit ironischer Distanz. Im Gegensatz zu anderen Topjobs spielen Frauen im Moderatorenfach gleichberechtigt mit. Und wenn Spera ihre letzte „ZiB“ moderiert (9.6., 19.30Uhr, ORF2), folgt ihr selbstverständlich mit Marie-Claire Zimmermann eine Frau nach: Sie wird künftig an der Seite von Tarek Leitner moderieren. „Frauen als Sprecherinnen sind unglaublich wichtig, da sie meines Erachtens eine ganz andere kommunikative Qualität an thematischer Zuwendung umsetzen können“, sagt Hartmann. Das liege beispielsweise an der Stimme. „Wir sind doch froh, dass heute nicht mehr Peter Fichnas scharrende Stimme durchs Wohnzimmer dröhnt.“ Das liege aber auch daran, dass Frauen – „wenn sie es können“ – eine „ironische Distanz“ eher liege als Männern, denen das als überheblich ausgelegt werden könne.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2010)