Schnellauswahl

ÖVP-Wirtschaftsbund nimmt Kurs auf Gesamtschule

oeVPWirtschaftsbund nimmt Kurs Gesamtschule
(c) Clemens Fabry

Nach einer Umfrage unter 700 Unternehmern setzt sich Generalsekretär Haubner entgegen der Parteilinie für eine „sinnvolle“ gemeinsame Schule ein.

Wien. Vom Bildungskonzept, das der ÖAAB im Vormonat präsentiert hat, lässt sich der Wirtschaftsbund (WB) der ÖVP offenbar nicht beeindrucken. Während im Papier des schwarzen Arbeitnehmerbundes ÖAAB von einer strikten Trennung von (aufgewerteten) Hauptschulen und AHS-Unterstufen die Rede ist, nimmt der Wirtschaftsbund Kurs auf eine gemeinsame Schule aller Zehn- bis 14-Jährigen.

Die Basis dafür bildet eine Umfrage unter Unternehmern in Stadt und Land, die der Wirtschaftsbund per Internet („E-Consultation“) zu ihrer Meinung über die Zukunft des österreichischen Bildungssystems befragt hat. Rund 700 Manager gaben Rückmeldung, und der Tenor ist laut WB-Generalsekretär Peter Haubner eindeutig: Bei den Betrieben gebe es „die klare Forderung nach einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen“, so der ÖVP-Nationalratsabgeordnete im „Presse“-Gespräch.

Voraussetzung für eine solche Gesamtschule, gegen die die ÖVP-Bundespartei offiziell noch blockt, wäre nach Ansicht der Mehrheit der Befragten die „klare Leistungsdifferenzierung“. Der Wirtschaftsbund werde jetzt in der ÖVP Druck für ein solches Schulsystem machen. In den Vorwochen hatte es von ÖVP-Chef Josef Pröll abwärts noch geheißen, das ÖAAB-Papier – und damit die bestehende Selektion von Schülern im Alter von zehn Jahren – werde die entscheidende Grundlage der Diskussion innerhalb der Partei bilden. Haubner meint nach einer „sehr offenen Debatte im Internet, die frühere Diskussionen bestätigt“, dass das ÖAAB-Papier „auch ein Beitrag“ sei – aber nicht der einzige.

Alle Bünde der ÖVP sowie die Landesparteien sollen bis Herbst ihre Positionen zu jener Bildungspolitik abgeben, die die Volkspartei künftig verfolgen wird. Geleitet werden die ÖVP-internen Diskussionen von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl, die zuletzt mit dem Vorschlag vorgeprescht ist, es brauche ein „Gymnasium für alle“ bis 14 Jahre.

„Talente individuell fördern“

Von Pröll soll sie für diesen Alleingang einen Rüffel bekommen haben. Für Peter Haubner ist die Führungsrolle Karls trotz der ÖVP-internen Kalamitäten bei der Bildungsdebatte „überhaupt nicht anzuzweifeln“. Der Dialog müsse „offen geführt werden“. Der Wirtschaftsbund werde sich aber dem „großen Wunsch“ der Wirtschaft, der sich in der Umfrage widerspiegle, anschließen. WB-Präsident Christoph Leitl hatte in seiner Funktion als Wirtschaftskammer-Präsident schon mehrfach für eine gemeinsame Schule plädiert.

Haubner will jetzt eine „sinnvolle“ gemeinsame Schule vorantreiben: In diesem System müssten „Talente individuell gefördert werden“. Haubners bevorzugte Variante: Es solle leistungsorientierte Projektgruppen über Klassengrenzen hinaus geben. Am Ende könnte das neue Schulsystem auch helfen, die teils massiven Defizite bei jenen Jugendlichen auszumerzen, die eine Lehre machen wollen.

„Hat man früher einen von zwei problemlos in die Lehre aufnehmen können, so findet man heute nur noch einen unter zwanzig“, so Haubner. Die Unternehmer würden beklagen, dass es immer weniger Lehrlinge gebe, die Rechtschreibung und Grundrechenarten auf hohem Niveau beherrschten. Haubner: „Das Hauptaugenmerk muss jetzt auf den echten Ausbildungs- und Bildungsbedürfnissen der Jugendlichen, nicht auf den Interessen der Gewerkschaft liegen.“

("Die Presse" Printausgabe vom 7. Juni 2010)