Schnell abgeschleckt und aufgeklebt: Den wenigsten ist bewusst, dass sie auf Briefmarken ihre DNA verewigen. Die genetischen Spuren lösen Kriminalfälle und revolutionieren die Ahnenforschung.
Es kommt selten vor, dass ein Richter einen Angeklagten auslacht. Beim Fall eines Aachener Erpressers sei es der Justiz aber verziehen. Unter dem Synonym Vitali Chenko hat der Angeklagte von Mai 2016 bis März 2017 13 Erpresserbriefe verschickt. Er drohte, die Kinder der Empfänger zu töten, wenn diese nicht 20.000 Euro zahlen würden. Der 50-Jährige hinterließ keine Fingerabdrücke, hatte er doch mit Handschuhen gearbeitet. Die Krux an der Geschichte: „Chenko“ schleckte Briefmarken und Klebestreifen des Kuverts ab. Damit hinterließ er großzügige DNA-Spuren. Vor Gericht rechtfertigte sich der Angeklagte beinahe entschuldigend: „Ich war doch vorher nicht kriminell. Ich wusste nicht, wie ich das machen sollte.“
Massenmördergene
DNA-Analysen haben sich in der Forensik zu einer wichtigen Ermittlungsmethode gemausert. So kam die Methode zum Beispiel im Fall rund um den „Golden State Killer“ zum Einsatz. Der Serientäter hatte zwischen 1976 und 1986 13 Morde, 45 Vergewaltigungen und 120 Einbrüche im US-Bundesstaat Kalifornien begangen. Erst 20 Jahre nach den Taten wurde er mithilfe von Erbgut-Analysen überführt: Der Serienmörder hatte auf der Kleidung der Opfer DNA-Spuren hinterlassen.
In der öffentlich zugänglichen Genealogie-Datenbank GEDmatch fanden die Ermittler übereinstimmende Genproben von Cousins dritten und vierten Grades. Monatelang wurden Stammbaumdaten von Tausenden Verwandten durchforstet, bis das DNA-Profil des 72-jährigen Joseph James DeAngelo gefunden wurde. Dieses stimmte zu 100 Prozent mit dem des Täters überein.
Fall neu aufrollen
Auch der „Zodiac-Killer“ soll mithilfe von DNA-Spuren gefasst werden. Der Serienmörder hatte zwischen Dezember 1968 und Oktober 1969 in der San Francisco Bay Area insgesamt fünf Menschen ermordet. Über mehrere Monate hinweg schickte der Täter bizarre Briefe an Lokalzeitungen, die mit mittelalterlichen Runen versehen waren. Die Identität des Täters ist bis heute ungeklärt. Private Ermittler fordern nun, den Fall neu aufzurollen und die Genspuren der Briefmarken auf den Schreiben zu analysieren.
Verbrecher und Verwandte
Auch außerhalb der Forensik helfen DNA-Spuren dabei, gesuchte Personen zu identifizieren. Im Gegensatz zur Kriminalistik sucht man hier aber keine Mörder, sondern unbekannte Verwandte. Das Erbgut, das Verstorbene auf Briefmarken hinterlassen, revolutioniert die Stammbaumforschung.
Bisher mussten sich Ahnenforscher hauptsächlich über Kirchenbücher und Geburtsregister informieren. Problematisch dabei: Weibliche Vorfahren können kaum ausgeforscht werden, da sie ihren Geburtsnamen ablegen. Die wahre Herkunft von unehelichen Kindern ging ebenfalls unter. Zudem sind die Aufzeichnungen meist unvollständig. Kriege, Unruhen und Naturkatastrophen haben viele Akten zerstört.
DNA-Analysen von lebenden Personen werden schon seit einigen Jahren miteinander verglichen. Allerdings verwässert sich das Genmaterial von Generation zu Generation: Ein Ururenkel teilt nur 6,25 Prozent der DNA seiner Ururgroßmutter. Andere Ururenkel erben ebenfalls nur 6,25 Prozent von der Ururgroßmutter. Dass die beiden Ururenkel genau dieselben 6,25 Prozent in der gesamten Bandbreite der DNA ihrer Vorfahrin übernommen haben, ist mehr als unwahrscheinlich. Sind Personen noch weiter entfernt verwandt, ist es mit der klassischen Methode unmöglich, die Verwandtschaft festzustellen. Denn: Je weiter Genealogen in die Vergangenheit zurückblicken, desto geringer wird die Schnittmenge.
Hier kommen Briefmarken ins Spiel: Der Speichel auf den Marken enthält genaue Informationen über das Erbgut von verstorbenen Personen. Kennt man 100 Prozent der DNA der Ururgroßmutter, ist es einfacher, eine Verbindung zwischen den Ururenkeln herzustellen. Der genetische Code der Verstorbenen wird in Gendatenbanken eingespeist und mit Proben aus der ganzen Welt verglichen. Die Angehörigen können durch die verbesserten Ergebnisse weit verstreute Verwandte kontaktieren, die ebenfalls schon einen Gentest gemacht haben.
DNA-Pioniere
Der Geschäftsführer einer der größten Ahnenforschungsinstitute der Welt, Myheritage, Gilad Japhet, kündigte dieses Jahr bei einer Branchenkonferenz an, das Verfahren bald massentauglich zu machen. „Vielleicht haben unsere Vorfahren es nicht bemerkt, aber als sie diese Briefmarken und die Umschlagklappen anleckten, versiegelten sie ihre wertvolle DNA für immer“, sagte er.
Derzeit überprüft Japhet die DNA seiner Großmutter mithilfe von alten Liebesbriefen. Darüber hinaus will der Unternehmer Briefe seines Großvaters mit Winston Churchill und Albert Einstein dazu nutzen, um die DNA der beiden Promis öffentlich zugänglich zu machen.
Myheritage ist das erste große Ahnenforschungsinstitut, das mit Genmaterial von Verstorbenen arbeiten möchte. Im kleineren Maßstab kommt die Methode aber schon seit mehr als einem Jahr zum Einsatz, und das ebenfalls kommerziell. Das australische Start-up Totheletter DNA begann im Juli 2018 damit, Spuren von Erbmaterial auf Artefakten von Verstorbenen zu extrahieren. Die Leiterin des Brisbaner Unternehmens, Joscelyn McBain, betont, dass nur Spuren toter Personen analysiert werden. Damit solle Missbrauch verhindert werden.
Im Vergleich zur klassischen DNA-Analyse wird bei der neuen Methode keine große Speichelprobe benötigt. Speichelrückstände auf Briefmarken und Kuverts reichen aus, um das Genmaterial zu entschlüsseln – in knapp der Hälfte der Fälle zumindest.
DNA-Rückstände auf zeitlosen Gegenständen wie Zahn- oder Haarbürsten will McBain nicht untersuchen. Die Genspuren könnten von lebenden Personen stammen, die keine DNA-Probe abgeben wollten und sich weigerten, in ein Teströhrchen zu spucken. Briefmarken bringen einen Vorteil: Der Poststempel soll garantieren, dass die Kuverts wirklich alt genug sind, um von einer verstorbenen Person verschickt worden zu sein.
Biologischer Big Brother
Jedes Jahr zahlen Tausende Menschen mehrere Hundert Dollar dafür, dass ihre DNA analysiert wird. Sie lassen ihre Erbinformationen freiwillig in die Datenbanken einspeisen. Dabei ist die DNA-Ahnenforschung moralisch umstritten. Lebende Nachfahren teilen Abschnitte der Erbinformationen von verstorbenen und lebenden Testpersonen. Sie werden durch die Veröffentlichung des Erbguts in frei zugänglichen Plattformen identifizierbar.
So auch der „Golden State Killer“. Hätten seine Cousins die Genanalyse nicht durchgeführt, hätten die Ermittler ihn nicht überführt. Ob die höchst persönlichen, biologischen Daten zur Aufklärung von Verbrechen oder zum Missbrauch dienen, kann aber niemand kontrollieren.
AUF EINEN BLICK
DNA-Material, das Menschen in Form von Speichel auf Briefmarken (oder Klebestreifen von Kuverts) hinterlassen, ist immer öfter Basis für die Arbeit von Forensikern und Genealogen. Kriminelle wurden dank der Methodik bereits überführt, in weiteren, auch älteren Fällen erhofft man sich davon neue
Hinweise. Aber auch für Ahnenforscher eröffnen die Analysen viele neue Möglichkeiten, schließlich war man für das Erstellen von Stammbäumen bislang hauptsächlich auf Quellen wie Kirchenbücher und Geburtsregister angewiesen. Teilweise sind die neuen Wege aber auch umstritten – Stichwort Genmaterial und Datenschutz.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2019)