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Neuer Siemens-Chef muss den Rotstift führen können

Neuer SiemensChef muss Rotstift
Ederer(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Auf den Nachfolger von Brigitte Ederer wartet viel Arbeit. Alle nicht zum Kerngeschäft gehörenden Sparten wurden und werden zugesperrt, verkauft oder mit Partnern fusioniert.

Wird Peter Löscher seinem Grundsatz treu bleiben und an die Spitze der Österreich-Tochter des Elektronik-Riesen Siemens einen „bunten Hund“ setzen? Oder hört der gebürtige Österreicher Löscher auf seine Landsmännin Brigitte Ederer? Oder schickt der Siemens-Boss gar einen Scharfmacher aus dem deutschen Mutterland? Seit bekannt ist, dass die „Gitti“ mit 1. Juli nach München übersiedelt und im Konzernvorstand die Personalagenden für 400.000 Siemensianer übernimmt, kocht hierzulande die Gerüchteküche.

Schließlich geht es ja nicht um irgendeinen Job, sondern um den Chefposten bei einem der größten Konzerne Österreichs. Und nicht nur das: Aus Wien steuert der Nachfolger Ederers einen der 20 globalen Regions-Cluster, in die Löscher anlässlich der Konzernumstrukturierung die Siemens-Welt eingeteilt hat. Dieser umfasst – inklusive Österreich – 19 Länder, von Tschechien und der Ukraine im Norden bis zur Türkei und Israel im Süden mit 53.000 Mitarbeitern.

Wenn der Siemens-Konzernaufsichtsrat am nächsten Mittwoch in einer außerordentlichen Sitzung in München Ederers Aufstieg beschließt, wird auch die künftige Führung in Wien ein Thema sein. Vermutlich hat sich Löscher aber bis dahin schon seine Meinung gebildet – denn nur eine Woche später, am 16. Juni, soll in Wien die Entscheidung fallen.

Interessenten bringen sich jedenfalls schon in Stellung. Ederers Vorstandskollegen Reinhard Pinzer (Finanzen), Kurt Hofstädter (Industrie), Gunter Kappacher (Energie) und Wolfgang Köppl (Gesundheit) stehen in der vordersten Reihe, es werden ihnen aber unterschiedliche Chancen eingeräumt. Ins Spiel gebracht wurde auch Dietmar Appeltauer, Ex-Siemensianer und jetzt Chef der Region Zentral-/Osteuropa bei Nokia Siemens Networks Österreich. Er dürfte aber inzwischen wieder aus dem Rennen sein. Nach wie vor nicht ausgeschlossen wird, dass einer der bei Siemens werkenden Auslandsösterreicher in die Heimat geschickt wird.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen sollen sich jedenfalls Kappacher und Hofstädter liefern. Beide bringen Eigenschaften mit, die jetzt gefordert sind: Hofstädter, Elektrotechniker mit einem MBA für Wirtschaft und Recht, gilt als zielorientiert und soll auch in kniffligen Situationen die Ruhe bewahren. Außerdem wird ihm ein guter Draht zu Ederer nachgesagt.

Kappacher, der an der TU Wien Informatik studierte, bringe seine hohe Erfahrung ein, heißt es. Er leitete unter anderem 2005 die Projektgruppe für den Kauf und die Integration der VA Tech. Er habe zudem das bessere Gespür für den Markt, sagt ein Insider.


Klar ist, dass auf den Nachfolger von Ederer nicht nur ein Hightechbüro in der neuen Siemens-City wartet, die von Löscher und Ederer am Freitag eröffnet wird. Er muss auch den Rotstift führen können. Denn der Elektronik-Multi, über den lange Zeit als „Bank mit angeschlossenem Elektrogeschäft“ gewitzelt wurde, befindet sich im Umbau. Löscher hat dem von einer Schmiergeldaffäre und einem Skandal um schwarze Kassen eines unternehmensfreundlichen Betriebsrats gebeutelten Konzern eine neue Struktur verpasst.

Drei Bereiche – Industrie, Energie und Gesundheit – dominieren. Alle nicht zum Kerngeschäft gehörenden Sparten wurden und werden zugesperrt, verkauft oder mit Partnern fusioniert. Seit 2001 gingen 85.000 Arbeitsplätze verloren. Auch die Österreich-Tochter, eine der besonders profitablen „Perlen“ im Konzern, blieb nicht verschont. Monatelang tobte ein erbitterter Arbeitskampf um die Software-Sparte SIS, die nun geteilt wird. Dazu kommen die Schwierigkeiten im Osteuropa-Geschäft, das unter der Wirtschaftskrise besonders leidet.

Sollten Hofstädter oder Kappacher das Rennen machen– die Siemens-Tradition, dass die Unternehmensspitze aus dem eigenen Haus besetzt wird, bliebe erhalten. Löscher würde aber seinem Grundsatz untreu werden, mehr Vielfalt in den Konzern zu bringen, in dem „zu viele weiße, deutsche Männer mittleren Alters“ an den Hebeln sitzen, wie er einmal formulierte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2010)