Jetzt bangt Holland auch noch um seinen Spielmacher Arjen Robben. Verletzte Superstars werden plötzlich so menschlich.
Simon Rolfes lächelte zufrieden am Samstag im ZDF-Sportstudio. Der Bayer-Leverkusen-Star ist einer der verhinderten WM-Helden Deutschlands. Ein Knorpelschaden zwang ihn schon Anfang des Jahres in die Knie. Nun erzählt er von seinem erst zwei Wochen alten Töchterchen und plötzlich ist alles so menschlich. Als ob die verletzten Gladiatoren des Fußballs mit den Stollenschuhen auch ihren überirdischen Starpanzer ablegen würden.
Tatsächlich hat der auf Krücken humpelnde David Beckham mehr Fans gerührt als der unnahbare Flankengott an der Seite seiner Tussi Victora.
Und tatsächlich ist Michael Ballack nur deshalb Michael Ballack, weil er im Nationalteam im letzten Moment verliert. Kaum einer erinnert sich an seine Tore, aber alle an die unglückselige Gelbe Karte im WM-Semifinale gegen Südkorea, mit der er für das Finale gegen Brasilien gesperrt war. Was wäre Achilles ohne Ferse?
Mittlerweile humpelt eine ganze Weltauswahl der Weltmeisterschaft hinterher. Die Niederlande flogen am Samstag ohne ihren Spielmacher Arjen Robben nach Südafrika. Dessen Knieverletzung, die er sich beim 6:1-Sieg gegen Ungarn am Samstag zugezogen hatte, wurde am Sonntag noch untersucht. Sein Einsatz ist fraglich. Und sollte er ausfallen, wissen die Holländer zumindest, warum sie wieder einmal nicht Weltmeister geworden sind.
Und Deutschland (Ballack, Rolfes, Adler, Westermann, Träsch) und die Elfenbeinküste (Drogba) und England (Rio Ferdinand, Beckham) und Italien (Spielmacher Andrea Pirlo schwer angeschlagen) wissen es auch. Und die Fußballwelt weiß, dass diese Überkicker tatsächlich noch aus Fleisch und Blut sind. Und dass der Fußball auf Weltklasseniveau mittlerweile an seine physischen Grenzen gestoßen ist.
Nur drei Mannschaften blieben von diesem Fluch vorerst verschont. Argentinien, Brasilien und Spanien. Wobei man bei Argentinien keine Verletzten braucht, um sich selbst zu schwächen. Trainer Diego Maradona nahm Klassespieler wie Zanetti und Cambiasso erst gar nicht nach Südafrika mit.
Bleiben also noch zwei Spitzenteams, die weder Verletzungspech noch einen unzurechnungsfähigen Teamchef haben: Brasilien und Spanien.
Das wäre doch ein würdiges Finale, wenn auch ein bisschen überirdisch.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2010)