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Gastkommentar

Die zehn Gebote und die Staatsgesinnung

(c) Peter Kufner
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Auch eine sich als modern und profan gebärdende Gesellschaft kann ohne ein moralisches Korsett nicht auskommen. Die Ethik der politischen Korrektheit ist jedenfalls kein tauglicher Ersatz für christliche Normen.

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Die Meldung ließ zunächst aufhorchen: In Österreich gibt es derzeit viel mehr Austritte aus dem Islam als Eintritte. Vor allem Asylwerber aus Afghanistan oder dem Iran verlassen die Religionsgemeinschaft, hieß es. Die konkreten Zahlen entpuppten sich als weniger spannend.

In Wirklichkeit waren es kärgliche 197 Personen, die sich vom grünen Banner des Propheten abgewandt haben; im Vergleichszeitraum gab es 49 Übertritte zum Islam. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Österreicherinnen, die muslimische Männer heirateten. Der Nettoverlust des Islam betrug letztlich 148 Menschen. Insgesamt hat sich die Zahl der Muslime in Österreich seit Anfang 2000 durch die Zuwanderung auf 700.000 mehr als verdoppelt.

Grundlegend anders ist die Situation der christlichen Kirchen. Die Säkularisierung hat dort bereits tiefe Furchen gezogen. Allein im Jahr 2018 haben 58.700 Katholiken die Kirche verlassen.

Abkehr vom Christentum

Tendenziell rückläufig ist die Zahl der Neuaufnahmen in die Kirche, die Zahl der Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen; der Besuch der Gottesdienste; die Zahl der Taufen, der Erstkommunikanten und Firmlinge sowie der christlichen Trauungen.

Ähnlichdramatisch stellt sich die Abkehr vom Christentum in Deutschland dar. Dort habenim Vorjahr insgesamt 436.000 Menschen (darunter 220.000 Protestanten) ihre Kirche verlassen. Nach einer Schätzung der Universität Freiburg könnte sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis 2060 halbieren. Bei einem Fortgang der Entwicklung werden in rund 40 Jahren nur noch 22,7 Millionen Deutsche einer der christlichen Kirchen (derzeit sind es in Summe noch 44,8 Millionen) angehören.

Die Prognose basiert auf der demografischen Entwicklung. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass Musliminnen deutlich mehr Kinder bekommen als nicht muslimische einheimische Frauen. In Deutschland haben nur 14 Prozent der Frauen ohne Migrationshintergrund drei oder mehr Kinder; bei Frauen aus muslimisch geprägten Ländern liegt ein solcher Kinderreichtum aber bei 44 Prozent. Es gilt als sicher, dass es in Österreich nicht sehr viel anders aussieht. Die statistischenGewichte verschieben sich rasant, zwischen einheimischen und zugewanderten Ethnien ebenso wie zwischen den Religionen. Die Reaktion auf die Säkularisierung istgleichgültiges Achselzucken.

Als die Neos-Chefin Meinl-Reisinger im Sommergespräch des ORF gefragt wurde, was sie vom Kreuz im Klassenzimmer halte, erklärte sie knapp, darüber solle die jeweilige Schulgemeinschaft entscheiden. Damit war das Problem auch für den Moderator abgehakt, Christentum hat in der Moderne offenkundig keinen Stellenwert mehr. Vor allem hat es keine kämpferischenAdvokaten. Nicht in der Politik, nicht in den Medien und auch nicht beim kapitulationsbereiten Klerus.

Wo Religion noch stark ist . . .

Glauben an die christliche Lehre ist angesichts der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und neodarwinistischen Evolutionstheorien für viele Menschen freilich nicht einfacher geworden. Indes hat die neuere Sozialforschung in der Religiosität ein Wesensmerkmal entdeckt, das über das individuelle Seelenheil hinaus auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung besitzt.

Die deutsche Empirikerin Renate Köcher hat, gestützt auf Untersuchungen des IfD-Allensbach, herausgefunden, dass sich Menschen mit starker und schwacher religiöser Orientierung bis in die Beziehungen zum eigenen Land hinein unterscheiden.

Der zentrale Befund lautet: Wo Religion und Kirche stark sind, ist die Gesellschaft eine andere, mit rigideren Moralvorstellungen und einem generell weitaus umfassenderen und festeren Normengefüge, das Selbstbeschränkung und Altruismus fördert. Wo Religion und Kirche schwach sind, gedeihen hingegen Egozentrismus und Hedonismus, wird individuelle Autonomie zum überragenden Ziel.

Professor Köcher widerlegte anhand demoskopischer Vergleiche von kirchennahen und kirchenfernen Personen die Annahme, dass das moralische Verhalten der Menschen vom Niedergang religiöser Werte nur wenig betroffen ist. Auch beim 5. und 7. Gebot, den Verboten von Tötung und Diebstahl, wurden Erosionszeichen sichtbar: Während gläubige Christen das 5. Gebot, „Du sollst nicht töten“, praktisch total für ein Postulat halten, tun dies Konfessionslose nur zu 76 Prozent.

Nachsicht der Kirchenfernen

Das 7. Gebot, „Du sollst nicht stehlen“, erkennen die Kirchennahen ebenfalls fast uneingeschränkt an, von kirchenfernen Religionsmitgliedern tun dies bereits deutlich weniger, von den Konfessionslosen sogar nur knapp zwei Drittel. Werden die Forderungen des Dekalogs aus dem religiösen Kontext herausgelöst und in die Alltagssituation übersetzt, tritt die prägende Kraft einer religiösen Orientierung besonders eindrucksvoll hervor.

Sichtbar geworden ist in der Studie beispielsweise eine nachsichtigere Haltung der Kirchenfernen gegenüber allen Versuchen, sich auf Kosten anderer, vor allem auch auf Kosten des Staates und von Solidargemeinschaften, zu bereichern. Die Ausnutzungvon Sozialleistungen ohne legitimen Anspruch, Steuerhinterziehungen, Schwarzfahren und Ähnliches werden von diesem Personenkreis als ungleich akzeptabler empfunden als von gläubigen Christen.

Rettung der Glaubensinhalte

Zu ganz ähnlichen Erkenntnissen wie die Allensbacher Professorin kam das Tübinger Institut für angewandte Wirtschaftsforschung. Demnach würden Menschen, die an Gott glauben, in der Regel weniger Steuern hinterziehen als Menschen ohne Religiosität. Nicht obwohl, sondern weil sich der Mensch in eine diese Welt überschreitende Ordnung gestellt fühlt, ist er zu verantwortungsvollem Handeln befähigt.

Die Behauptung liegt nahe, dass das Gesagte auch für andere Religionen gilt, also auch für den Islam. Dabei würde man aber übersehen, dass die beiden großen Weltreligionen in zentralen Glaubenssätzen keineswegs gleich sind, vor allem nicht in Aspekten, die mit Gewaltanwendung zu tun haben. Kristina Schröder brachte es kürzlich in der „Welt“ auf den Punkt: Mohammed und Jesus waren in Leben, Wort und Werk völlig unterschiedlich: „Die eine Religion hat sich aufgeklärt und ist überwiegend in demokratischen und rechtsstaatlichen Systemen verbreitet, die andere kennt noch keine Aufklärung und ist Mehrheitsreligion fast nur in Despotien.“

Worum es jetzt im Kern der Sache geht, ist nicht die Rettung des politisierenden Klerus, sondern die der christlichen Glaubensinhalte. Auch eine sich als modern und profan gebärdende Gesellschaft kann ohne ein moralisches Korsett nicht auskommen. Die Ethik der politischen Korrektheit ist jedenfalls kein tauglicher Ersatz für christliche Normen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Andreas Kirschhofer-Bozenhardt war Journalist in Linz, ehe er 1964 in die empirische Sozialforschung wechselte. Er war Mitarbeiter am Institut für Demoskopie Allensbach und zählte dort zum Führungskreis um Professor Elisabeth Noelle-Neumann. Ab 1972 Aufbau des Instituts für Markt- und Sozialanalysen (Imas) in Linz.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2019)