Kein Rauch ohne Feuer

Die Weihrauchdüfte der Haute Parfumerie

Alle Informationen zu den Parfums im Bild finden Sie unten in der Box.
Alle Informationen zu den Parfums im Bild finden Sie unten in der Box.(c) Christine Pichler

Die Leidenschaft der Haute Parfumerie lodert in wenigen Duftgenres so funkenreich wie bei der Komposition edler Weihrauchdüfte. Und das nicht nur zu Allerheiligen und Halloween.

Vom „Duft des Himmels" zum „Schweiß der Götter" ist es nur ein Katzensprung – semantisch ohnehin, offenbar auch olfaktorisch. Beide Bezeichnungen sollen nämlich die alten Ägypter für Weihrauch in petto gehabt haben – also das Harz des Weihrauchbaums, das in kultischen Handlungen verbrannt wurde. Offenbar fand später aus der ägyptischen Hochkultur das Räuchermittel seinen Weg in Kulturen des Mittelmeerraums und Europas. Schließlich war Weihrauch, neben Gold und Myrrhe, eines jener Gastgeschenke, mit denen Caspar, Melchior und Balthasar vorstellig geworden sein sollen. Nach einer etwas schwierigen Anfangsgeschichte fand Weihrauch später seinen Platz auch in der christlichen Liturgie, und man wähnt – olfaktorisch im Dunkeln tappend – Weihrauch als einen der wenigen Wohlgerüche in den von Süskind so trefflich skizzierten geruchlichen Tenebræ des Mittelalters.

Nicht nur zu Allerheiligen denkt, wer etwa eine katholische Erziehung durchlaufen hat, beim Erschnuppern von Weihrauchschwaden unweigerlich an feierlich zelebrierte Messen. Passenderweise nennt die Modemarke Etro ihren markantesten Weihrauchduft gleich „Messe de Minuit", während der Brite James Heeley mit seinem Beitrag zum Genre einen „Cardinal" evoziert. Dass sich mit Giorgio Armani („Bois d’Encens" aus der Armani-Privé-Kollektion) und Dolce & Gabbana („Velvet Incenso") auch Luxusmarken aus dem katholischen Italien unter die Überbringer edelsten Weihrauchs reihen, überrascht wenig.

Spiel mit Rauch. Neben der abendländisch-christlichen ist jedoch auch eine japanische Weihrauch-Assoziation gängig. Im allerfernsten Osten gehört es ja nicht zum guten Ton, Parfum zu tragen – zumindest kein besonders üppiges. In Restaurants könnten intensive Duftschwaden den Genuss des Essens trüben, liest man in Benimmforen. Außerdem gibt es eine kultische Konnotation, die nicht getrübt werden soll. Mit breiten Kimonoärmeln fing man traditionellerweise in Tempeln über den Weihrauch- und Duftholzschüsseln wohlriechende Schwaden auf, die sich in Kleidung und Haar festsetzen sollten. Das Tragen von Parfum sehen manche eventuell, zumindest unbewusst, als Profanierung dieser Praxis.

Zugleich zählt seit der Edo-Periode die kunstvolle Auseinandersetzung mit Weihrauch bzw. Räuchermitteln, man nennt dies Kōdō, neben jener mit Blumengestecken und der Wertschätzung von Tee zu den traditionellen japanischen Zeremonien. Kōdō ist heute weniger verbreitet oder bekannt als die auch von Touristen geschätzte Teezeremonie. Es ist aber gewiss faszinierend, sich vorzustellen, wie beim Genjikō – auf Englisch wird mit „Incense Games" übersetzt – duftverliebte Japaner Ratespielen und allerlei anderen fantasievollen Duftexperimenten nachgehen. Dass sich solche Spielereien ebenfalls nicht gut mit dem Tragen von Parfum vertragen, liegt auf der Hand (man bedenke nur, dass auch die meisten Parfümeure angeben, privat keine Düfte zu tragen).

Dass etwa die japanische Modelinie Comme des Garçons in ihrer Unisex-Kollektion einige schöne Weihrauchdüfte anbietet, ergibt also Sinn. Besonders erschnuppernswert ist eine eigene „Incense"-Kollektion der Marke, die leider in Österreich nicht erhältlich ist. Zwischen experimenteller Mode und Weihrauchdüften besteht auch im Maison Margiela Nähe: Sowohl der erste Duft des Hauses, „(Untitled)", wie auch die Variation als „(Untitled) L’Eau" sind ausgesprochen rauchig. Bemerkenswert ist auch die Weihrauchnote in dem exquisiten Duft „Coromandel" von Chanel, Teil der „Les Exclusifs"-Kollektion. Diese verweist ebenfalls nach Japan, handelt es sich doch um eine Hommage an die von Gabrielle Chanel überaus geschätzten Stellwände aus Koromandel-Ebenholz. Es gibt in der Haute Parfumerie also ohne Zweifel mehr als nur eine Art, sich dem komplexen Weihrauchthema zu nähern.

Infos zu den Parfums im Bild oben

Von links oben nach rechts unten: 1. Blumig mit Jasmin und Pfingstrose: Lalibela von Memo Paris, nur bei Naegele & Strubell (75 ml um 180 €). 2. Orientalische Ebenholz-Inspiration: Coromandel von Les Exclusifs de Chanel (75   ml um 175 €). 3. Würzig und holzig: Bois d’Encens von Armani Privé (50 ml um 160 €). 4. Mit knackiger Aldehydnote: Cardinal von Heeley, bei Le Parfum (100 ml um 140 €). 5. Harz und Nadelholz: Vert d’Encens von Tom Ford Private Blend (50 ml um 201 €). 6. Von Holz befeuert: Incense & Cédrat von Jo Malone, nur bei Douglas (100 ml um 139 €). 7. Gepfefferte Komposition: Velvet Incenso (50 ml um 280 €). 8. Maskulin mit Vetiver und Ledernote: Man 2 von Comme des Garçons (100 ml um 98 €). 9. Rauchige Zitrusfrüchte: (Untitled) L’Eau von Maison Margiela, nur bei Marionnaud (100 ml um 100 €). 10. Weihrauch, Myrrhe und Bergamotte: Messe de Minuit von Etro (100 ml um 110 €).