Penthouse-Sozialismus, Migrationshintergrund, erweiterter Selbstmord, Neiddebatte: über die Wörter und Unwörter des Jahres 2006 - und was sie uns verraten. Samt einem Ausblick auf 2007.
Ludwig Wittgenstein wusste, dass die Grenzen der Sprache jedes Einzelnen auch die Grenzen sei ner Welt sind. Die Bannlinien, die von der deutschen Sprache entlang von Donau, Inn, Salzach und Rhein zwischen Österreich, Deutschland und der Schweiz gezogen werden, wirken selten breiter, als wenn zu den sprachlichen Eigenheiten kulturelle hinzutreten. Besonders augenfällig wird dies anlässlich der Wahl von Wort, Unwort und Spruch des Jahres. Vor unserm Au- ge entfaltet sich ein wahres Panoptikum des gesellschaftlichen und politischen Jahres zwischen Berlin, Bern und Wien. Oder wussten Sie, was Köbi und Plämpu sind und welche soziopolitischen Welten zwischen Fanmeile und freiwilliger Ausreise liegen?
Zum österreichischen Wort des Jahres 2006 wurde Penthouse-Sozialismus gewählt. Als Begründung führte die Jury aus, dass die Wortschöpfung zwei widersprüchliche Begriffe vereine: "die Inanspruchnahme von Privilegien und das Vertreten von sozialistischen Idealen". Die in die engere Wahl gekommenen Wörter zeugen von der Bedeutung der Politik im Jahr 2006: So findet man das arschknapp des Grünen-Chefs Van der Bellen (der sich beizeiten in Raucheroasen zurückzieht) ebenso wie die Schmollwinkerlpartei (in den diese nicht zuletzt durch die Debatten um Pflegenotstand, Teurofighter und Grundsicherung gelangt ist). Dass die Ortstafelverrückten im Koalitionspoker eine Rolle spielten, darf hingegen bezweifelt werden. Schließlich wird die Bawag, die schon das Wort des Jahres maßgeblich beeinflusst hat, ein weiteres Mal gewürdigt: mit Bawag-Gate.
Zum Unwort des Jahres erkor die Jury ätschpeck. Dieser Werbespruch drücke "starke negative Emotionen wie Schadenfreude und Verhöhnung von Mitbewerbern" aus und "dürfte deshalb als aggressiv und herabwürdigend wahrgenommen werden". Zwar ist die Sensibilität der österreichischen Handykunden nicht zu leugnen, aber der Einfluss auch mehrmaligen Betrachtens von Telering-Werbeplakaten auf das gesellschaftliche Gewaltpotenzial ist wohl gering. Das erste Untier wurde zum zweiten Unwort: Problembär Bruno, der lange vor dem Napalmwahlkampf die Öffentlichkeit in Aufregung versetzte. Dabei hätte es andere Gründe gegeben, sich trefflich zu echauffieren: Teilzeitarbeitslosigkeit, Ortstafelflut, militante Nichtraucher . . . Zwei Wörter fokussieren auf den Bildungsbereich: überqualifiziert (dessen Nennung als Unwort doch fragwürdig ist) und die Exzellenzuniversität (was uns zu Wittgenstein zurückführt, dessen Namen sie mangels Zustimmung seiner Familie nun doch nicht tragen darf).
Der Spruch des Jahres 2006 heißt: Nimm ein Sackerl für mein Gackerl!, der die Wiener Kampagne zu mehr Verantwortlichkeit bei der Entsorgung von Verdauungsendprodukten der besten Freunde des Menschen begleitet. Die Jury lobt neben der Heimatverbundenheit des Slogans dessen sprachliche Eleganz: "Typisch österreichische Ausdrücke" kämen ebenso zur Anwendung wie "Verfahren wie Reim und syntaktische Parallelität". Kurz: "ein einprägsames und gelungenes Sprachspiel".
Nicht spielerisch, sondern ernst meinten es hingegen die Autoren des Unspruches des Jahres 2006. Zu Daham statt Islam!, einem Slogan der FPÖ-Wahlwerbung, stellte die Jury fest: "Erstmals seit 1945 wurde eine Religionsgemeinschaft wieder als fremd und im Gegensatz zum Begriff ,Österreich als Heimatland' dargestellt." Zum zweiten Unspruch des Jahres wählte die Jury Kärnten wird einsprachig! Er stelle einen "unglaublichen Affront gegen alle Anderssprachigen dieses Landes, gegen das Konzept der kulturellen Vielfalt und gegen die 98 Sprachgemeinschaften der Europäischen Union" dar.
Während sich die Jury, die für die Wahl zum österreichischen Wort des Jahres verantwortlich zeichnet, aus Wissenschaftlern zusammensetzt (alle lehren an der Universität Graz), besteht die Jury der Wahl zum Schweizer Wort des Jahres aus Textarbeitern: Sieben Journalistinnen und Journalisten aus der Deutschschweiz und aus Liechtenstein treffen ohne Publikumsbeteiligung (die Österreicher können ohne Bindungswirkung für die Jury Vorschläge einsenden) ihre Wahl.
Zum Schweizer Wort des Jahres 2006 wurde das Rauchverbot gewählt. Die Jury begründete die Entscheidung unter anderem mit seiner symbolischen Bedeutung: Immer mehr Verbote (Minarettverbot, Kampfhundeverbot, Handyverbot, Weihnachtsverbot, Waffenverbot) seien festzustellen, offenbar - so die in die Schule Wilhelm Tells gegangenen Schweizer kritisch - sei "das gesellschaftliche Zusammenleben ohne Verbote nicht mehr zu regeln".
Die Jury wählte auch "weitere wichtige Wörter", an denen sich die Breite des Rheins ermessen lässt. Zwei von ihnen sind auch für Österreich ohne helvetischen Bezug verständlich: Migrationshintergrund (ein "schwerfälliges Wort", um wertneutral über Personen ausländischer Herkunft zu sprechen) und Karikaturenstreit. Doch bei den Begriffen Köbi, Vize-Miss oder Pensionskassenverwalter bleiben Fragen offen. Köbi, so lehrt die Jury, ist der Spitzname von Jakob Kuhn, dem Trainer der Schweizer Fußball-Nationalmannschaft, der aufgrund der Erfolge der Schweizer Kicker bei der Weltmeisterschaft wie auch wegen seiner "gutschweizerischen Eigenschaften wie Bescheidenheit, Besonnenheit zu einer landesweiten Ikone" wurde. Vize-Miss heißt die Zweitplatzierte in der Miss-Schweiz-Wahl und spielt auf eine Diskussion an, in deren Mittelpunkt stand, ob die Erstplatzierte den Titel auch verdient habe. Pensionskassenverwalter bezeichnet jene Manager, die der - wieder - "gutschweizerischen" Errungenschaft Pensionskasse als "Symbol für Sicherheit und Seriosität" aufgrund von "unschönen Geschäften" die Unschuld geraubt hätten.
Zum Unwort des Jahres wurde der erweiterte Selbstmord gewählt. Dieser bezeichnet Familientragödien, in denen ein Selbstmörder auch andere mit in den Tod nimmt. Die Jury rügte, dass er den Begriff des Mordes verschleiere und verharmlose. Zum Satz des Jahres erkor die Jury schließlich: Ich kann das! Mit diesem Spruch kommentierte die Politikerin Doris Leuthard ihre Wahl zur Bundesrätin. Die Jury sah darin den Beweis für eine neue Politik mit Elan und Selbstbewusstsein.
In der deutschen Jury zum Wort des Jahres sitzen Mitarbeiter der "Gesellschaft für deutsche Sprache". Zum verbalen Sieger 2006 erklärten sie sportlich-patriotisch Fanmeile, die, wie die Jury erklärt, "während der WM in Deutschland Fußballbegeisterte aus aller Welt zu Hunderttausenden aufsuchten, um dort ihrem ganz besonderen Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen". Sozialkritischer ist das zweitplatzierte Wort: Generation Praktikum, das jene gut ausgebildete Gesellschaftsschicht meint, die in prekären Verhältnissen, mit un- oder minderbezahlten Tätigkeiten Praktikumshopping betreiben muss. Auch der Karikaturenstreit kam, wie schon in der Schweiz, zu Ehren. Die professionelle Beziehung der Jury zur deutschen Sprache verdeutlicht sich im Rechtschreibfrieden, der auf Platz vier angesiedelt wurde und das Ende der Debatten um die neue deutsche Orthografie meint. Oder doch Orthographie?
Platz fünf nimmt den sozialkritischen Tenor wieder auf: das Prekariat als Neuprägung für die gesellschaftliche Unterschicht. Dass auch in Deutschland Debatten über Studiengebühren geführt werden, belegt Platz sechs: Bezahlstudium. Platz sieben erreicht Bruno, der österreichisch-deutsche Grenzgänger mit italienischen Wurzeln, auf dessen Spuren die Jäger lange nicht kamen. Spuren waren auch entscheidend für Platz acht: Poloniumspuren, deren Fund zentral für die Ermittlungen um das Giftattentat auf Alexander Litvinenko war. Neben dem Schweizer Teamtrainer Köbi schafft es auch der deutsche Nationaltrainer zu Wortehren: Die Klinsmänner stürmen auf Platz neun. Mit der dritten WM-Referenz schließt die Liste: schwarz-rot-geil!, ein Spruch, in dem sich "das neue deutsche Selbstbewusstsein" manifestiere.
Es entspricht dem Bild des grantigen Österreichers, dass die offiziellen Stellen in Deutschland und der Schweiz kein Unwort wählen. Eine alternative Jury schafft indes zumindest für Deutschland Abhilfe: Seit 1995, als sich in der "Gesellschaft für deutsche Sprache" an der Rüge des Kanzlerwortes kollektiver Freizeitpark (Unwort 1993) ein Richtungsstreit entzündete, wird das Unwort des Jahres von einer unabhängigen Jury gewählt. Ihr gehören Sprachwissenschaftler und Vertreter der Sprachpraxis an. Zum Unwort des Jahres 2006 wurde freiwillige Ausreise gewählt (bezeichnet - in Abgrenzung zur rechtlich definierten Abschiebung mittels behördlicher Zwangsmaßnahmen - das Verlassen des Staatsgebietes durch einen Asylwerber als Konsequenz der "intensiven Beratung" in deutschen Ausreisezentren). Die Jury merkt an, dass die Freiwilligkeit einer solchen Ausreise regelmäßig bezweifelt werden könne. Zwei weitere Unwörter 2006 sind Konsumopfer und Neiddebatte. Die Rede vom Konsumopfer lässt sich auf einen Ausspruch des Modemachers Wolfgang Joop zurückführen, der mit diesem Begriff Models beschrieb, die zu Lasten ihrer Gesundheit für das Schönheitsideal der Konsumgesellschaft hungern müssten. Als Neiddebatte sprach Bundesbankchef Ernst Welteke der Diskussion um die Angemessenheit von hohen Managergagen ihre Legitimität ab. In der engeren Auswahl standen auch Abwrackprämie (Zuschuss des Staates bei Abbau von Arbeitskräften über 50 Jahre), Eindeutschung (Integration von Migranten), Kleinvoliere (Kleinstkäfig für Hühner) sowie Mobile ethnische Minderheiten als amtliche Umschreibung für Sinti und Roma.
Was können wir aus dem kurzen Überblick über die Begriffe des Jahres 2006 mitnehmen? In Österreich kamen die Penthäuser in Verruf, die Schweizer erfreuten sich an Rauchverboten, und Deutschland spielte Fußball. Das mag vordergründig zwar nicht gar so viel Neuheitspotenzial enthalten, doch ein aufgeklärter Blick mag abschließende Erkenntnisse zu Tage schürfen: Jede Wahl sagt nicht nur viel über das Land aus, sondern auch über die Wählerinnen und Wähler.
2007 ist noch nicht alt, doch schon haben sich Kandidaten für eine Prämierung herauskristallisiert. Als Wort des Jahres schlage ich Koalition vor, denn diese ist gekommen, um zu bleiben. Alternativ käme Kunstschnee in Frage, der kurz kam, aber nicht bleibt. Als Unwort des Jahres lässt sich unschwer das gesunde Volksempfinden ausmachen, mit dem Landesrat Gerhard Dörfler, der Stellvertreter des Kärntner Landeshauptmannes, einem Urteil des Verfassungsgerichtshofes die Relevanz absprach. Auch mein Vorschlag zum Unspruch ergibt sich in Reaktion auf dasselbe Ortstafelerkenntis: Der Name Korinek steht für rechtlichen Dreck von Stefan Petzer, Pressesprecher Jörg Haiders. Als Spruch des Jahres nominiere ich, aufgrund seiner immerwährenden Aktualität und Bedeutung: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt (Ludwig Wittgenstein). Jetzt muss nur noch das Jahr vergehen. [*]
Jahrgang 1983. Mag. jur. Forschungsassistent am Institut für Völkerrecht der Universität Graz. War mehrere Jahre lang als Texter in einer Werbeagentur beschäftigt. Mitherausgeber von "juridikum. Zeitschrift im Rechtsstaat" und Chefredakteur von "law@graz", der Grazer juristischen Studentenzeitung.