Der Fischerbuberl- Brunnen steht auf dem Wiener Platz im Münchner Viertel Haidhausen.
Deutschland

München: Nach der Wiesn die Kultur

Man kann im Herbst auch in die bayrische Hauptstadt fahren, wenn das Oktoberfest vorbei ist. Jetzt will die Stadt zeigen, dass sie auch etwas anderes zu bieten hat als Bier und Brezn. Zum Beispiel Kultur und Surfer im Park.

In den ersten Tagen und Wochen nach dem Oktoberfest muss sich München erholen. Das gibt zwar kaum jemand zu, aber die drei Wiesn-Wochen von Mitte September bis Anfang Oktober zollen ihren Tribut, vor allem bei Angestellten in Hotellerie und Gastronomie, aber auch beim Rest der Bewohner. Münchner, die irgendetwas mit dem gigantomanischen Bierfest zu tun hatten, sind jetzt zwar müde, aber erleichtert, und alle anderen freuen sich, dass die Massen die Stadt wieder verlassen haben.

München versucht seit einigen Jahren bewusst darauf aufmerksam zu machen, dass die Stadt auch abseits ihres weltbekannten Bier-Spektakels eine lohnenswerte Destination ist. In diesem Herbst legt man einen Schwerpunkt auf „geniale Paarungen“ in Kunst, Küche und Mode. Grund dafür ist zum einen die neue Ausstellung „Lebensmenschen“ in der städtischen Sammlung des Lenbachhauses (Bild klein unten im Kasten, bis 16. Februar 2020), zum anderen Eventreihen wie die „Loop Sessions“, bei denen Künstler aus ganz unterschiedlichen Genres, wie der Münchner Bluessänger Jesper Munk und die Hip-Hop-Band Tribez, aufeinandertrafen.

Surfer an der Eisbachwelle im Englischen Garten.
Surfer an der Eisbachwelle im Englischen Garten.Anna-Maria Wallner

Das Lenbachhaus ist vor allem bekannt für seine Sammlung zum Blauen Reiter, in diesem Herbst stellt es Werke des russischen Paares Alexej von Jawlensky und seiner langjährigen Partnerin Marianne von Werefkin aus. Im zum Museum gehörenden Kunstbau, einem leer stehenden Raum in der U-Bahnstation Königsplatz, der 1994 zu einem unterirdischen Ausstellungsraum wurde, werden die Werke der beiden russischen Expressionisten, die den Großteil ihres Lebens in München und Umgebung wirkten, behutsam gegenübergestellt. Zum ersten Mal überhaupt zeigt ein Museum das Schaffen beider Künstler, die jahrzehntelang fast symbiotisch und trotz vieler Kränkungen miteinander lebten. Vor allem Werefkin galt lang als unerkannt, auch weil sie zehn Jahres ihres Lebens selbst das Malen einstellte, um ihren Mann bei seiner Kunst zu unterstützen.

Wer noch mehr von der schwierigen Beziehung dieses Paares erfahren will, für den empfiehlt sich auch eine Reise ins Sommerhaus von Gabriele Münter in Murnau am Staffelsee (ca. 50 Minuten vom Münchner Hauptbahnhof). Die Künstlerin lebte dort nicht nur einige Jahre mit dem Maler Wassily Kandinsky, sondern lud auch Jawlensky und Werefkin einen Sommer lang zu sich. Seit genau 20 Jahren ist das sanierte Haus ein besonders sehenswertes Museum.

Surfwelle in der Isar seit 1972

Wer an Spätherbsttagen an Münchner Nationaltheater und Residenz vorbeischlendert, durch den Hofgarten spaziert, wo im Dianatempel gern asiatische Klassikstudentinnen ihre Violinstudien vor Publikum proben, und vorbei an der Staatskanzlei und Haus der Kunst zum Englischen Garten stößt, trifft dort auch auf eine typische Münchner Paarung: die Surfer an der Eisbachwelle. Schon 1972, lang bevor Surfen wie aktuell wieder zu einer Trendsportart wurde und sich in Flüssen diverser Großstädte künstliche Wellen als City-Surf-Stationen etablierten, war München die erste Stadt, in der man zu jeder Wind- und Wetterlage Sportler mit ihren Surfbrettern unterm Arm zur Welle an der Isar gehen sah. Das ist bis heute so geblieben. Lang war das Wellenreiten in der Stadt allerdings illegal, erst 2010 erkannte die Stadtverwaltung, dass man etwas aus dieser Attraktion machen könne und stellte die Eisbachwelle auf legale Stufen. An schönen Tagen ist hier nicht nur die Schlange der Surfwilligen, sondern vor allem die der Schaulustigen lang.

Den Kulturspaziergang kann man mit einem Besuch in der 1900 erbauten Villa Stuck beenden, wo noch bis Anfang Jänner die Geburtstagsschau zu vier Jahrzehnten „Vogue Deutschland“ zu sehen ist. Oder man geht noch ein bisschen weiter zur Pinakothek, wo in der Neuen Sammlung der Pinakothek sogar ein 200er gefeiert wird – und zwar der eines Designklassikers, des Thonet-Sessels. Zwischendurch empfiehlt sich eine Führung durch eines der Münchner Innenstadtviertel, zum Beispiel Bogenhausen, wo sich eine Villa neben die andere reiht, und man erfahren kann, in welcher der Schauspieler von Monaco Franze (Helmut Fischer) oder der Modedesigner Rudolph Moshammer gelebt haben.

München hegt und pflegt seine Traditionen und Klischees. Wer wegen Hofbräukeller und Biergarten-Sitzen anreist, ist immer willkommen. Was aber viele vergessen: Man kann auch ein paar Tage in die bayrische Hauptstadt fahren, ohne eine Maß Bier zu trinken, eine Weißwurst zu essen und ein einziges Dirndl zu sehen.

WOHNEN UND ESSEN IN MÜNCHEN

Wohnen kann man sehr gediegen im 5-Sterne-Boutique Hotel Palace (Troger Str. 21; www.hotel-muenchen-palace.de) oder im Jams Hotel am Rosenheimer Platz, dem ersten Musikhotel Münchens, wo in jedem Zimmer ein Plattenspieler steht (www.jams-hotel.com).

Die Lokalszene in München bietet auch abseits von Biergärten und Wiesn eine große Auswahl. Neu eröffnet hat Anfang Oktober in der alten Residenzpost das sehr schicke japanisch-vietnamesische Restaurant Anoki. Japanische und peruanische Küche treffen aufeinander im Izakaya (Landsberger Straße 68; www.izakaya-restaurant.com) und unbedingt probieren sollte man die bayrischen Tapas im Ferdings (www.ferdings.de). Ein Klassiker vor allem untertags und für Fisch aller Art ist das Bar & Grill im Erdgeschoß des Kaufhauses Dallmayer in der Altstadt. Konzerte und Drinks gibt's im Ampere im Muffatwerk.

Stadtführungen: tourismus.guides@muenchen.de

Infos: www.muenchen.travel

Compliance Hinweis: Die Reise fand auf Einladung von München Tourismus statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2019)