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Wort der Woche

Rückgang der Artenvielfalt

Der Rückgang der Artenvielfalt nimmt immer besorgniserregendere Ausmaße an – auch direkt vor unserer Haustür.

In Sachen Biodiversität jagte jüngst eine Hiobsbotschaft die nächste: Der Weltbiodiversitätsrat, IPBES, veröffentlichte eine Statistik, laut der die globale Biomasse von Wildsäugetieren in den vergangenen 50 Jahren um 82 Prozent zurückgegangen war. Der NÖ Jagdverband machte kürzlich darauf aufmerksam, dass die Bestände von Feldhasen im letzten Jahrzehnt um 62 Prozent zurückgegangen sind, jene von Fasanen und Rebhühnern sogar noch stärker. Eine Untersuchung des Umweltbundesamtes im Nationalpark Kalkalpen kam zu dem Ergebnis, dass in den vergangenen 25 Jahren ein Fünftel der Baumflechtenarten verschwunden war. Birdlife Österreich beklagte einen massiven Rückgang von Wildvögeln – so verkleinerte sich z. B. die Population von Girlitzen um 83 Prozent.

Diese Woche schreckt nun eine Untersuchung von deutschen Biologen mit österreichischer Beteiligung die Öffentlichkeit auf: Erstmals konnte nach allen Regeln der wissenschaftlichen Kunst bewiesen werden, dass das vielfach vermutete Insektensterben Realität ist – und dass die Situation so schlimm ist, wie es aufgrund von früheren Einzelstudien und persönlichen Beobachtungen zu befürchten gewesen ist. Dabei wurden 290 Flächen zehn Jahre systematisch untersucht, mehr als eine Million Insekten wurde bestimmt und statistisch erfasst. Im Grünland ging die Zahl der Insekten demnach um 78 Prozent zurück; die Artenzahl schrumpfte um 34 Prozent, die Insektenbiomasse um 67 Prozent. Betroffen ist aber auch der Wald, wenngleich nicht so stark. Dort ging die Zahl der Arten um 36 Prozent und die Insektenbiomasse um 41 Prozent zurück; das Minus bei der Zahl der Insekten war indes mit 17 Prozent statistisch nicht signifikant.

Die Ursachen für diese besorgniserregende Entwicklung sind vielfältig: Ein wichtiger Faktor ist der Eingang von Schadstoffen in die Umwelt, etwa von Nitraten oder Pestiziden. Eine (derzeit noch) untergeordnete Rolle spielt auch der Klimawandel. Vor allem aber geht es um die Zerstörung von Lebensräumen durch die Verbauung von Flächen und die Intensivierung der Landwirtschaft. Alle bisherigen Bestrebungen zur Einrichtung von Schutzgebieten oder zur Ökologisierung des Ackerbaus haben offenkundig nicht wirklich gefruchtet – trotz des Einsatzes von Mitteln in Milliardenhöhe.

Wenn wir nicht als jene Generation in die Geschichte eingehen wollen, die bei einer riesigen Welle des Artensterbens tatenlos zugesehen hat – und das kann niemand wollen –, dann führt kein Weg daran vorbei, unser Verhältnis zur Natur völlig neu zu denken und zu gestalten.?

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2019)