Ein Jude ermittelt unter Nürnberger Nazis: „Unter Wölfen“

Die Vorarlbergerin Alex Beer hat sich erfolgreich auf Krimis vor historischem Hintergrund spezialisiert.
Die Vorarlbergerin Alex Beer hat sich erfolgreich auf Krimis vor historischem Hintergrund spezialisiert.Ian Ehm

Alex Beer, bekannt für ihre ausgezeichneten Wien-Krimis, hat sich für „Unter Wölfen“ Deutschland als Schauplatz ausgesucht.

Alex Beer geht fremd. Die gebürtige Vorarlbergerin hat sich ihre literarischen Lorbeeren bisher mit vielfach ausgezeichneten historischen Wien-Krimis rund um Kriminalinspektor August Emmerich verdient. Für ihr jüngstes Buch suchte sich Beer allerdings Deutschland als Schauplatz aus. „Unter Wölfen“ spielt 1942 und schickt den Juden Isaak Rubinstein mitten ins Herz des Bösen, in das Hauptquartier der Nürnberger Gestapo. Dort soll er schier Unmögliches vollbringen, um seine Familie vor der Deportation nach Osten zu retten: sich als NS-Sonderermittler Adolf Weissmann ausgeben, einen Mord aufklären, das Gesprächsprotokoll der Wannsee-Konferenz beschaffen, bei der die Endlösung festgelegt wurde, und dieses dem Widerstand gegen Hitler in die Hände spielen. Und das alles in nur drei Tagen.

Um es gleich vorwegzunehmen: „Unter Wölfen“ ist spannend, aber es ist nicht Alex Beers bestes Buch. Bestach die Autorin in ihren Wien-Krimis („Der zweite Reiter“, „Die rote Frau“, „Der dunkle Bote“) durch eine geschickte Verknüpfung historischer Tatsachen mit Krimi-Handlungen, strapaziert sie die Glaubwürdigkeit des Lesers in „Unter Wölfen“ von Anfang an.

Isaak Rubinstein ist ein etwas weltfremder Antiquar, der versucht, seine Familie so heil wie möglich durch die zunehmend bösartigen Schikanen des Nazi-Regimes zu manövrieren. Als die Rubinsteins im März 1942 einen Evakuierungsbescheid erhalten und Richtung Osten geschickt werden sollen, schwant ihm allerdings Böses. Er bittet seine Ex-Freundin Clara um Hilfe, die Verbindungen zum deutschen Widerstand hat. Clara willigt ein, seine Familie zu verstecken, Isaak soll allein in Richtung Palästina aufbrechen.


Gefährliche Gegenleistung. Was Clara nicht sagt, ist, dass Isaak davor noch eine gefährliche Gegenleistung erbringen muss. Der Antiquar ahnt nichts von der Mammutaufgabe, die seiner harrt. Erst als er vergeblich auf seinen Zug nach Wien wartet, statt dessen aber Unterscharführer Rudolf Schmitt vor ihm steht, um ihn ins Nazi-Hauptquartier zu bringen, wird Isaak klar, dass er aus dem Stegreif die Vorstellung seines Lebens geben muss. Denn Schmitt hält ihn für den berühmten NS-Kriminalisten Adolf Weissmann, der den Mord an der Schauspielerin Lotte Lanner aufklären soll. Ein heikles Unterfangen, denn unter Verdacht steht niemand Geringerer als Fritz Nosske, Leiter des Judenreferats in Nürnberg.

„Unter Wölfen“ zeigt an der Figur von Rubinstein alias Weissmann anschaulich, wie schnell einem Macht zu Kopfe steigen kann; wie rasch sich ein Mensch daran gewöhnt, dass andere vor ihm kuschen, wenn er nur entsprechend von sich selbst überzeugt auftritt. Der jüdische Archivar lernt in kurzer Zeit, einen einigermaßen glaubwürdigen Nazi zu geben, wobei er die Angst seiner Mitmenschen gekonnt auszunutzen versteht. Gleichzeitig tut Alex Beer das, was sie gut kann: Vergangenheit als Warnung für die Gegenwart heranzuziehen, etwa wenn sich der Richter im Prozess gegen die Widerständler empört: „Ich brauche kein Gesetzbuch, mein Herr. Hier spricht das Volk!“

Leider kränkelt „Unter Wölfen“ von Anfang an unter der Unwahrscheinlichkeit seiner Grundthese. Um diese und damit auch Rubinsteins Tarnung aufrechtzuerhalten, muss Alex Beer der Handlung Verrenkungen abverlangen, die das Buch teilweise unglaubwürdig machen. Isaak Rubinstein verwandelt sich von einer Sekunde zur anderen in einen Ober-Nazi, schwindelt sich durch sämtliche Verhöre, übersteht vor Publikum Konfrontationen mit ehemaligen Studienfreunden und sogar als ungeübter Sportler einen Boxkampf gegen einen Champion.

Wie ein Drehbuch. Den Showdown gibt's auf Raten – und auch da fragt man sich nicht nur einmal: „Echt jetzt?“ Sprachlich ist Beer, die ansonsten ein feines Händchen für Zwischentöne hat, hier ebenfalls nicht in Bestform, sondern ungewohnt floskelhaft. „Unter Wölfen“ liest sich über weite Strecken wie die Vorlage zu einem Drehbuch. Als Samstagabend-Krimi wird es bestimmt ein Erfolg.

Neu Erschienen

Alex Beer
Unter Wölfen

Limes Verlag
368 Seiten
16,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2019)