Und dann war der Arm ab: Kinderrechte im Theater

Was sind Außenseiterprobleme schon gegen das Elend der jungen Coltanschürfer im Kongo?Igor Ripak

„Kinderfressen leicht gemacht": Ein Theaterstück zeigt, wie verantwortungslos es ist, eine schutzbedürftigte Generation sich selbst zu überlassen.

So eine Oboe ist was Tolles: Man kann sie als Gehstock benutzen, als Piraten-Fernrohr, als Baseballschläger oder als Stöckchen, das man den Hund holen schickt. Die fantasievolle, von zwei jungen Darstellern überzeugend authentisch gespielte Eingangsszene des Theaterstücks „Kinderfressen leicht gemacht“ zeigt, wie gut Kinder darin sind, sich die Welt nach ihren Bedürfnissen zurechtzudenken. Doch das Stück bleibt nicht durchgehend in diesem optimistischen Ton: Zum 30-Jahr-Jubiläum der UN-Kinderrechtskonvention hat Tina Leisch vom Kollektiv Die Schweigende Mehrheit (bekannt unter anderem seit der Jelinek-Inszenierung „Die Schutzbefohlenen“, die 2016 von Identitären gestürmt wurde) Kinder und Jugendliche zum Thema Kinderrechte improvisieren lassen und das verdichtete Ergebnis auf die Bühne gestellt.

Herausgekommen ist eine Anklage an die ältere Generation, die bei Vernachlässigung, Bildungsproblemen und Missbrauch wegschaut und das Weltretten den Kindern überlässt. Die Oboe gehört der talentierten Nora, ihre arbeitslose Mutter und der spielsüchtige Stiefvater wollen das Instrument aber verkaufen, um die Heizkosten zu begleichen. Nora läuft weg – und bildet eine Bande mit dem „Zuckerengel“, einem Mädchen, das von seinem Papa in ein Marshmallow-Kleid gesteckt wurde, so süß findet er es (spätere Szenen deuten auf Missbrauch hin), und mit Damian, der von den gegensätzlichen Erwartungen seiner Eltern förmlich zerrissen wird: Nicht nur ihm wird im Laufe der Aufführung der Arm abgerissen, ein wirksames Bild.

Igor Ripak

Netflix für alle, verspricht der Diktator

Aber was sind solche Außenseiterprobleme schon gegen das Elend der jungen Coltanschürfer im Kongo? Oder gegen den bedrohten Planeten? In mal mehr, mal weniger gelungenen Szenen wird ausgedrückt, wie wenig es Kindern hilft, wenn man ein Elend gegen das andere ausspielt. Und wie verantwortungslos es ist, eine schutzbedürftige Generation sich selbst zu überlassen: Der Diktator im Kongo verspricht Netflix für alle, die Kinderwohlfahrt holt indessen Damian, der doch demonstrieren muss, für einen Gerichtstermin ab. Alles Unfaire im Leben wird von den Erwachsenen einer „listigen Gesellschaft“ zugeschoben. Und das Fernsehen, verkörpert durch zwei smarte Reporter, animiert das Publikum zur Selbstbelügung. „Brokkoli ist lecker!“, schallte es bei der Schulvorstellung im Volkstheater durch den Saal, bevor nur noch eine Kakophonie vergnügter Unwahrheiten zu hören war.

Dass jede politische Botschaft, die oft auf allzu agitative Weise ins Stück fand, von den Kindern selbst kommt, ist schwer zu glauben. Den moralischen Zeigefinger, den das junge Ensemble hier – Kooperationspartner war neben Volkstheater und Dschungel Wien auch die Kinder- und Jugendanwaltschaft – dem Publikum hinstreckt, soll man ihm aber nicht verübeln. Die Wut ist echt, und alles andere ist erstaunlich gut gespielt.

„Kinderfressen leicht gemacht“. Termine: 4.11. im Volx/Margareten, 20.11. im Wiener Rathaus.