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Morgenglosse

Apple TV: In dieser Fernsehwelt regiert der Apfel

Die Streaminglandschaft war schon bisher unübersichtlich. Jetzt kommt mit Apple TV+ noch ein weiterer Anbieter mit einem unschlagbaren Startvorteil dazu: Der Videodienst ist auf (fast) jedem Apple-Gerät automatisch abrufbar.

Wir haben nicht darauf gewartet, aber seit 1. November gibt es einen neuen Anbieter für Filme und Serien. Apple hat spät, dafür weltweit und mit gleich ein paar neuen Serien seinen Streamingdienst „TV+“ gestartet. Dabei haben wir den Überblick schon lang verloren zwischen all den Angeboten der verschiedenen Videolieferanten, wie Netflix, Joyn und Amazon Prime, und den nationalen TVtheken öffentlich-rechtlicher Sender. Der Einstand für Apple dürfte aber dennoch nicht so schwer werden, wie viele Tech-Experten behaupten; und obwohl die Benutzeroberfläche wie so oft bei Apple-Bibliotheken wieder ziemlich uninspiriert und unübersichtlich geworden ist.

Es wird vermutlich funktionieren, weil der US-Konzern einen erheblichen Startvorteil hat: Die TV-App ist spätestens mit dem nächsten Software-Update auf allen Smartphones, iPads oder PCs des Herstellers installiert. Wer also aus Neugier nach TV+ sucht, wird als Apple-Nutzer wie von unsichtbarer Zauberhand in wenigen Klicks auf das digitale Kino geleitet.

Abrufbar in sieben, lesbar in 35 Sprachen!

Dort finden sich zum Start gleich vier Serien, fast alle superprominent besetzt – und jeweils die erste Folge ist kostenlos online und in sieben Audiosprachen und 35 Untertitelsprachen (inklusive Koreanisch, Lettisch, Tamil und Telugu) abrufbar. Das komplette Abo kostet im Vergleich zur Konkurrenz wohlfeile 4,99 Euro pro Monat. In der Serie „Morning Show“ etwa spielt Jennifer Aniston die weibliche Hälfte des Moderatorenpaars der „Morning Show“, die um ihr eigenes berufliches Weiterleben kämpfen muss, nachdem die „New York Times“ zahlreiche Affären ihres Ko-Moderators bekannt gemacht hat und der in Zeiten von #MeToo sofort den Bildschirm räumen muss. In weiteren Rollen sind Reese Witherspoon und der jüngere der Duplass-Brüder zu sehen; erfunden hat die Serie Jay Carson, der ehemalige Berater von Bill und Hillary Clinton, Michael Bloomberg, der später politischen Hintergrund für die Netflix-Serie „House of Cards“ lieferte. Eins-A-Serienware also, da gibt's wenig auszusetzen.

Umso ärgerlicher ist das dreiste Product Placement. Wenn etwa schon in der ersten Szene drei „Morning Show“-Mitarbeiter um 3.30 Uhr aus dem Schlaf gerufen werden und bei ihnen allen – natürlich! – ein iPhone auf dem Nachtkasten summt und piepst. In einer weiteren Szene erklärt dann der Boss des Medienunternehmens, das sehr an Rupert Murdochs News Corp erinnert, wie „tief die ganze Welt des Fernsehens gefallen ist in wenigen Jahren“, und spricht von Technologieriesen, die alles schlucken werden. Durchaus zynisch, ein solcher Satz in der ersten Serie eines Technologieriesen, der gerade dabei ist, das klassische Fernsehen frontal anzugreifen.

Email: anna.wallner@diepresse.com[PXMON]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2019)