Kritik

Herumtollen mit den Kindersoldaten

(c) Neon

Der Film „Monos“ versucht, die Logik lateinamerikanischer Gewaltspiralen zu fassen: ein bildgewaltiges Wagnis.

Rambo, Schlumpf und Lady sind allzeit bereit. Auf einem nebeligen Hochplateau laufen sie schnaufend im Stand, stählen sich für den drohenden Feindkontakt. Ein kleinwüchsiger Einpeitscher trichtert den MG-bewehrten Teenie-Soldaten Direktiven einer autoritären „Organisation“ ein: Die Milchkuh Shakira muss um jeden Preis beschützt werden. Gleichfalls die amerikanische Geisel. Es setzt keinerlei Widerspruch. Warum auch? Die Nacht ist jung, das Leben ist ein Spiel!
Surreal, dieses Setting. Aber auch betörend: Mit ihm nimmt „Monos“ sein Publikum gefangen. Klar: Gewalt liegt von Anfang an in der Luft. Aber diese Farben, diese Landschaft! Moosgrün und zartes Ocker, ein diesiger Garten Eden, in dem unsere Wild Boys und Girls unbekümmert durch die Gegend tollen, knutschen, narrische Schwammerln mampfen, sich mit Schlamm bewerfen und um das Lagerfeuer tanzen – die Kamera stets rastlos hinterherhastend. Bis eine freudetrunkene Gewehrsalve Shakira trifft. Und der Spaß ein abruptes Ende nimmt.

 

Vielleicht geht es um die Farc?

„Monos“ ist ein beachtlicher Versuch, die Logik lateinamerikanischer Gewaltspiralen in einer bildgewaltigen Parabel zu fassen. Vielleicht geht es hier um den Bürgerkrieg zwischen kolumbianischer Armee und Farc-Guerillas. Doch die Erzählkoordinaten bleiben bewusst allgemein: Die unbedarften Kinderkrieger, die nicht wissen, was sie tun, Täter und Opfer eines sinnlosen Konflikts zwischen aus ihrer Sicht ungreifbaren Parteien.
Dabei wagt Regisseur Alejandro Landes die Balance zwischen Symbolismus und Sinnlichkeit. Sie gelingt nur bedingt. Gewiss, das Auge hat reichlich zu futtern; auch im zweiten Teil, der sich im tropischen Dickicht verliert. Es gibt intensive Momente, besonders die Fluchtversuche der Geisel, gespielt von Julianne Nicholson – merklich die einzige Berufsschauspielerin im Ensemble, dessen jugendliche Hauptdarsteller mehr körperlich als emotional präsent sind. Dank Mica Levis Schwummer-Soundtrack bebt das Trommelfell. Doch bleibt der Eindruck aufgedonnerter Ideenkunst. Da prangt der aufgespießte Schweinekopf: Ja, „Herr der Fliegen“, schon verstanden. Dennoch ein erfreuliches Wagnis seitens des Gartenbaukinos, wo der Film nach seinem Viennale-Einsatz von 7. bis 15. 11. läuft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2019)