Auszeichnung

"Zeichen um Zeichen": Buchpreis für Gstrein

Norbert Gstrein erhält den Österreichischen Buchpreis
Norbert Gstrein erhält den Österreichischen BuchpreisAPA

Für seinen Roman "Als ich jung war" erhält der Tiroler Norbert Gstrein den Österreichischen Literaturpreis. Das französische Pendant, der Prix Goncourt, ging an den viel gelobten Außenseiter Jean-Paul Dubois.

Der Hauptpreisträger, Norbert Gstrein, selbst war nicht anwesend bei der Vergabe des österreichischen Buchpreises im Kasino am Schwarzenbergplatz: In verlesenen Dankesworten war von einem "Quäntchen Scham" die Rede, das sich zur Freude geselle. Und vom Verschwinden, ein Thema im nun prämierten Roman "Als ich jung war" (neben anderen Themen, etwa der Bewertung von Geschlechterbeziehungen) - und offenbar auch in Gstreins nächstem Roman über einen 60-jährigen Schauspieler, der die Tage zwischen dem 21. und dem 24. Dezember, zwischen seinem eigentlichen und seinem geplanten Geburtstag, alljährlich zum glücklichen Rückzug, zum Verschwinden nutzt . . .

Die Jury lobte den 58-jährigen, in Hamburg lebenden Tiroler Norbert Gstrein als "Meister des ,zwielichtigen' Erzählens. Der Roman über einen Tiroler Wirtssohn, der als Skilehrer in den USA gearbeitet hat und nach Österreich zurückkehrt, erinnere an Joseph von Eichendorffs Gedicht "Zwielicht": "Die Dämmerung bricht an, etwas Numinoses legt sich über das Land. Selbst dem Freund ist nicht zu trauen in dieser Stunde der verlorenen Sicherheiten." Gstrein, so die Jury, "setzt Zeichen um Zeichen. Man folgt seinem Konstrukt und seinem bewundernswert klaren Satzbau mit Spannung, aber im Gegensatz zum Detektivroman gibt es hier kein Superhirn, das die Zeichen eindeutig interpretieren könnte. Am Ende hält der Leser viele Fäden in der Hand. Ob einer davon der rote ist - wer weiß?"

Nominiert für den mit 20.000 Euro dotierten Preis waren außerdem Raphaela Edelbauer für "Das flüssige Land", Sophie Reyer für "Mutter brennt", Karl-Markus Gauß für "Die abenteuerlichen Reise durch mein Zimmer" und Clemens J. Setz für "Der Trost runder Dinge". Bisher haben den österreichischen Buchpreis Friederike Mayröcker (2016), Eva Menasse (2017) und Daniel Wisser (2018) erhalten. Den Debütpreis erhielt nach Friederike Gösweiner, Nava Ebrahimi und Marie Gamillscheg heuer die Klagenfurterin Angela Lehner für ihren Roman "Vater unser" über eine starke, verstörende, gewitzte, zuweilen in ihrem Wahn abstoßende Frau namens Eva. Die Jury lobte die Kombination aus "Familiengeschichte, Krankenhausreport und Krimi" als "unsentimental, frech und direkt erzählt" und als "kritischen Befund eines katholisch geprägten Österreich, in dem auf den Hausaltären neben dem Rosenkranz das gerahmte Porträtfoto von Jörg Haider liegt".

Roman über ein gescheitertes Leben

Schon zu Mittag hatten sich die Franzosen entschieden: wie es sich seit jeher gehört, in einem Pariser Restaurant. Der Prix Goncourt kann auf ein Preisgeld de facto verzichten (es geht um zehn Euro), weil sein verkaufssteigernder Effekt so massiv ist - im Schnitt 367.000 Exemplare. Nun wissen die Franzosen also, welches Buch sie zu Weihnachten verschenken: "Tous les hommes n'habitent pas le monde de la même façon" von Jean-Paul Dubois. Kritiker rühmten den Roman über einen Hausmeister, der im Gefängnis sein gescheitertes Leben Revue passieren lässt, als humorvoll, intelligent, voller menschlicher Wärme. Dabei war der 69-jährige Dubois nur der Außenseiter im Rennen um den wichtigsten französischen Literaturpreis gewesen. Als Favoritin galt die belgische Bestsellerautorin Amélie Nothomb, mit "Soif" (Durst). Aber ihr 28. Roman verkauft sich ohnehin seit Wochen bestens. Umstrittener ist die Entscheidung der Jury beim Prix Renaudot: Für "La Panthère des neiges" hat Sylvain Tesson einen Tierfotografen in die eisigen Höhen Tibets begleitet. Was den einen auch literarisch als eindrucksvolles Experiment gilt, halten andere nur für ein Öko-Manifest, gespickt mit antimodernen Klischees.

Schon am Wochenende verliehen wurde der Büchner-Preis an den Schweizer Lukas Bärfuss, der in seinen Romanen etwa über den Völkermord in Ruanda schreibt. In seiner Dankesrede stellte er sich die rhetorische Frage: Wie solle er seinen Kindern "Zuversicht und Vertrauen schenken", wo doch sein Werk ein "Zeugnis für die menschliche Niedertracht und Grausamkeit" sei? Die Antwort war schlicht, pathetisch und bewusst ironiefrei: "Wer den letzten Krieg vergisst, bereitet den nächsten vor." Und: "Die Nazis sind überhaupt nie weggewesen." Dagegen schreibe er an, weil für ihn wie für Büchner "Zynismus und Resignation nur andere Worte für Feigheit sind". (tk/gau)

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