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Autoindustrie

Fusion von Fiat und Peugeot bringt Werke in Gefahr

REUTERS

Überkapazitäten der Autohersteller sind seit Jahren ein Problem. Europa werde nach einer Fusion von Peugeot und Fiat wahrscheinlich die Hauptlast möglicher Werksschließungen tragen, glauben Experten.

Der Zusammenschluss von Fiat Chrysler und Peugeot zum weltweit viertgrößten Autokonzern bringt nicht nur die Kräfteverhältnisse in der Branche in Bewegung. Mit dem neuen Autoriesen steigt in Europa auch der Druck, die hohen Überkapazitäten anzugehen, unter denen die Industrie ächzt.

Experten warnen schon seit Jahren, dass in einem gesättigten Markt zu viele Fahrzeuge gebaut und zu Preisen verkauft werden, die kaum auskömmlich sind. Auch deshalb hatte sich General Motors (GM) vor zwei Jahren aus Europa zurückgezogen und die deutsche Tochter Opel an den französischen PSA-Konzern verkauft. "Zehn Prozent der Kapazitäten sind in Europa überflüssig", sagt Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB. "Gerade in Zeiten rückläufiger Nachfrage ist das zu viel."

"Der Druck auf die Werke wird in den nächsten Jahren steigen", ist Stefan Bratzel überzeugt, der das Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach leitet. "Wenn die Verträge erstmal unterzeichnet sind, wird Carlos Tavares auf diese Tatsache hinweisen." Der Autoexperte glaubt, dass der als harter Sanierer bekannte Peugeot-Chef, der auch den gemeinsamen Konzern mit Fiat Chrysler leiten soll, das Produktionsnetzwerk trimmen wird.

Auslastung nur 60 Prozent

"Dann muss die Frage nach den Standorten auf den Tisch." Dabei werde auch Opel wieder ins Blickfeld rücken. Allerdings hätten die Rüsselsheimer nach der erfolgreichen Sanierung durch Peugeot inzwischen eine bessere Ausgangsposition und könnten nun ihrerseits Ansprüche anmelden. "Dann wird es einen internen Wettbewerb geben", glaubt Bratzel. Der Ausgang sei offen.

Schon nach der Finanzkrise vor zehn Jahren war die Rede davon, dass in Europa eigentlich zehn bis zwölf Automobilwerke dicht gemacht werden müssten. Die beiden US-Konzerne GM und Ford schlossen in der Zwischenzeit in Belgien und Großbritannien einige Standorte. Ford will im Zuge seines neuen Sparprogramms fünf weitere Fabriken dicht machen. Am Grundproblem hat sich nach Meinung von Analysten bisher aber wenig geändert.

Das ist auch der Grund, warum sich der italienisch-amerikanische Autobauer Fiat Chrysler (FCA) und PSA verbünden wollen. Denn zusammen kommen die beiden auf einen Jahresabsatz von 8,7 Millionen Fahrzeuge, verfügen weltweit aber über Produktionskapazitäten von 14 Millionen Einheiten. Damit läge die Auslastung rechnerisch bei rund 60 Prozent, was in der Branche allgemein als viel zu niedrig angesehen wird. Als profitabel gelten Werke ab einer Auslastung von 80 Prozent.

Hauptlast für Europa

Die Experten von LMC Automotive kommen bei ihren Berechnungen zu dem Ergebnis, dass der neue FCA-PSA-Konzern weltweit freie Kapazitäten für fast sechs Millionen Fahrzeuge hätte und entsprechend mit hohen Kosten belastet wäre. "Europa wird wahrscheinlich die Hauptlast möglicher Werksschließungen tragen", schätzen die LMC-Analysten.

Sowohl Fiat als auch Peugeot wollen Schließungen vermeiden. Allerdings erhöht sich in den kommenden Jahren der Druck, die in zwei Stufen ab 2021 und 2025 verschärften Klimaziele der EU zu erreichen. Der Schwerpunkt liege in Europa, wo Produktlinien, Antriebsstränge und Investitionen in die Elektromobilität kombiniert werden könnten, schreibt Max Warburton, Analyst von Bernstein Research, in einem Kommentar.

"Produkte und Marken könnten rationalisiert und Vertriebsnetze kombiniert werden." Die Aufgabe sei "riesig", meint der renommierte Autoanalyst. Und es sei noch unklar, ob PSA genügend Manager habe, um ein so komplexes Unternehmen wie Fiat Chrysler mit 110 Milliarden  Euro Umsatz zu übernehmen.

Wegen der schärferen Umwelt-Vorgaben steht das Kleinwagen-Segment unter Druck, in dem vor allem Fiat, aber auch Peugeot stark vertreten sind. Denn selbst Einstiegsmodelle müssen mit aufwendiger Technik zur Abgasreinigung ausgestattet werden. Die höheren Kosten können die Hersteller kaum an die Kundschaft weitergeben, wodurch solche Wagen wenig profitabel sind.

SUV bleiben gefragt

PSA hat es durch seine Plattformstrategie aber geschafft, die Kosten zu senken und glänzt mit einer hohen Ertragskraft. Von der Strategie, mit der Tavares bereits Opel in die Spur gebracht hat, dürfte künftig auch Fiat profitieren.

Dennoch nimmt PSA Kleinwagen wie den Adam und Karl von Opel aus dem Programm, weil es bei den ganz kleinen zu unwirtschaftlich wäre, diese mit teurer Abgastechnik aufzurüsten. Ford hat bereits das Ka-Modell gestoppt, das sich mit dem Fiat 500 die Plattform teilt. "Wegen der neuen CO2-Ziele müssten diese Autos Updates erhalten, die teuer werden", sagt Felipe Munoz, Analyst des Prognoseinstituts Jato Dynamics, und fügt hinzu: "Das wird die Hersteller zwingen, einige dieser Modelle einzustellen, da die Investitionen sehr hoch sind."

In der Branche wird damit gerechnet, dass der Markt für Pkw im A-und B-Segment bis 2021 in Europa schrumpfen wird, während der Anteil an Stadtgeländewagen (SUV) weiter steigt. In der Folge dürften Pkw-Werke mit niedrigem Volumen auf der Kippe stehen. Die Analysten von LMC halten vor allem die Fiat-Fabrik in Kragujevac in Serbien und die beiden Vauxhall-Standorte in Ellesmere Port und Luton in Großbritannien für gefährdet. Bei den Motorenwerken würden langfristig wahrscheinlich ein oder zwei Fiat-Standorte in Europa nicht benötigt.

(APA/dpa)