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„All Mirrors“: Im Spiegelsaal der Gefühle

Olsen war einst Backgroundsängerin von Will Oldham.
Olsen war einst Backgroundsängerin von Will Oldham.(c) Screenshot

Angel Olsen hat sich musikalisch völlig umorientiert: Ihr fünftes Album „All Mirrors“ verbindet Opulenz und Schlichtheit auf verblüffende Weise.

„Wir können nur die Schatten unserer Träume verwirklichen“: Erst am Ende seines Lebens kam das geschundene Theaterwunderkind Oskar Werner zu dieser Erkenntnis. Angel Olsen, die sich permanent wandelnde US-Singer-Songwriter-Frau, hat das schon viel früher verstanden. Frisch verlassen von ihrer Langzeitliebe, verschaute sie sich in ein märchenhaftes Haus in Asheville, North Carolina, das ihr Romantik und Sicherheit zugleich vermittelte. Es war nicht erwerbbar. Also kaufte sie sich das Haus vis-à-vis, ohne es vorher überhaupt angeschaut zu haben.

Was für ein kluger Schachzug! Statt ihren Traum zu vergessen, ließ sie ihn leben und richtete sich gemütlich in seiner Nähe ein. Auf ähnliche Weise verarbeitete sie nun auf ihrem fünften Album die zerbrochene Beziehung. Die elf Lieder von „All Mirrors“ zeigen mit großem Gestus zwischen Phil-Spector-Pomp und Goth-Pathos die Reflexionen im Spiegelsaal der enttäuschten Gefühle. Bedauern klingt durch, aber auch Erleichterung darüber, vom Herzschmerz in ungewohnte Richtungen gewiesen zu werden.

Streicher und Synthesizer

Die Neuorientierung schlägt sich vor allem im Musikalischen nieder. Olsen, einst Backgroundsängerin von Will Oldham, hat sich auf ihren Soloalben schon mit Jazz Noir, Folk und zuletzt mit krachigem Rock befasst. Nun dringt sie in die Klangwelt von Synthesizern und avancierten Streicherarrangements vor. Ihr aktuelles persönliches Drama verlangte offenbar diese Hinwendung zu bipolaren Sounds. Sanft beginnt die erste Nummer „Lark“, wallt dann rasch auf: „To forget you is to lie, there is still so much left to recover.“ Dann treiben so opulente wie unkonventionelle Geigen und Synthesizer das Pathos auf höchste Brennstufe.

Der orchestrale Wahnsinn gerät zuweilen in die Nähe von Scott Walkers Spätwerk, während Olsen stimmlich einen Kurs irgendwo zwischen Kate Bush und Björk hält. So hat man sie noch nie gehört. Mitverantwortlich für die krasse Soundveränderung war Produzent John Congleton, der schon die Sängerinnen Sharon Van Etten und St. Vincent auf abenteuerliche Abwege geführt hat. Olsen, sonst eher als Kontrollfreak bekannt, vertraute auf ihn und auf die Ideen ihres Multiinstrumentalisten Ben Babbitt, den sie auf acht Songs als Co-Komponisten eintragen ließ. Zitternde Mellotrone, wabernde Synthesizer, bedachtsames Getrommel dominieren. Und eben diese Streicher!

 

Mix aus Gainsbourg und Brian Eno

Ihren neuen Mut zum großen Gefühl reflektiert nicht nur die Musik. Im sanft groovenden Song „Spring“ besingt sie ihn ganz direkt. „I'm beginning to wonder if anything's real, guess we're just at the mercy of the way that we feel.“ Gefühle als Schlüssel zum Erkennen der Welt. Eingeleitet wird der Song durch ein sonniges Pianothema, das Olsen, die sonst nie im Studio komponiert, spontan eingefallen ist. Auch das zeigt ihre neue Lockerheit. Den von Congleton vorgeschlagenen Soundmix aus Serge Gainsbourg und Brian Eno ließ sie sich nicht bloß gefallen, sondern begrüßte ihn lauthals.

Gegen Ende dieses rauschenden Liederzyklus ebbt die teils kolossale Erregung ab. Von weinenden Geigen umsäumt, klingt Olsen in „Tonight“ befriedet: „I like the air that I breathe, I like the thoughts that I think, I like the life that I lead.“ Die Angst vor der Leere des Alleinseins ist wie weggeblasen. Auch das etwas flottere „Summer“ schildert die Erleichterung nach Stunden der Trauer. Zu schwebenden Keyboardsounds jubiliert sie über ihre neue Leichtigkeit: „Took a while but I made it through“, singt sie mit fast glückseliger Stimme. Es hört sich an, als ob die wahren Abenteuer noch vor ihr lägen. Wenn die Liebe endet, beginnt oft die große Kunst. Im Fall Olsen tut sie es jedenfalls.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2019)