Stadtbild

Otto Wagner, die Kunst und die Automobilität

Vorspiel zur Kirche am Steinhof: Johannes-Nepomuk-Kapelle.
Vorspiel zur Kirche am Steinhof: Johannes-Nepomuk-Kapelle.(c) WF

Kunsthistorisches Kleinod im Toben des Währinger Gürtels: die Johannes-Nepomuk-Kapelle.

Mehr als 1000 Kraftfahrzeuge pro Stunde. Das ist am Währinger Gürtel keine Seltenheit. Wie viele der vorbeirasenden Automobilisten und ihrer Mitfahrenden auch nur theoretisch die Möglichkeit haben, irgendetwas anderes als das automobile Toben rund um sich wahrzunehmen, bleibt naturgemäß verborgen. Als ziemlich gesichert kann allerdings gelten, dass die Johannes-Nepomuk-Kapelle am Währinger Gürtel trotz einer Verkehrsfrequenz ohnegleichen zu den unbekanntesten und unerkanntesten konfessionellen Bauwerken Wiens zählt. Schließlich, wer hat schon Zeit und Muße, in rasanter Fahrt die lange Linkskurve vom AKH Richtung Volksoper herunterbretternd, darauf zu achten, was sich linkerhand, neben der Stadtbahntrasse, an Architektonischem begibt?

Keinem Geringeren als Otto Wagner ist das kunsthistorische Kleinod in heute ganz und gar abseitiger Lage zu danken, errichtet als Ersatz einer Linienkapelle, die Wagners Stadtbahnbau zum Opfer fiel. Und Kennern gilt der schmucke Zentralbau quasi als Wagners ecclesiales Vorspiel zur späteren Vollendung in der Kirche am Steinhof.

Selbst Wagner-Aficionados kaum bekannt dürfte freilich jene Vorgeschichte des Kapellenbaus sein, an die sich Wagner am 8. März 1917 in seinem Tagebuch erinnert: „Morgen sind's 56 Jahre, dass ich in Berlin schwer erkrankte.“ Kaum der Gesundheit wieder nah, habe er Gott das Gelöbnis gemacht, „dass, wenn ich ganz gesunde, ich eine Kapelle bauen wolle“. Tatsächlich habe er „im Jahre 1894 unentgeltlich eine Kapelle gebaut“ – ebenjene am Währinger Gürtel. Allerdings, und freimütig bekannt, „ohne an mein Gelöbnis zu denken“. Nachzulesen in dem rundum einsichtsreichen Band „Meine angebetete Luise“, der Otto Wagners Tagebuch der letzten Lebensjahre präsentiert. Erschienen bei Residenz.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2019)