Helen Thomas, Institution im Korrespondentenkorps des Weißen Hauses, bringt mit einer antisemitischen Aussage ihre 50-jährige Karriere in Gefahr. "Die Juden sollen sich in Palästina zum Teufel scheren", sagte sie.
Abschlussreden an Schulen und Colleges sind in den USA eine große Sache, und es ist eine Ehre, die meist Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zuteil wird. Mit aufmunternden Appellen, ironischem Witz und einer Ration an Alltagsweisheiten entlassen Politiker, Sportler, Filmstars – und zuweilen auch prominente Journalisten – die Schüler und Studenten ins Leben.
Doch Helen Thomas, die Doyenne des Korrespondentenkorps im Weißen Haus, wäre an der Walt Whitman High School in Bethesda in der Nähe Washingtons wohl mit Buhrufen empfangen worden. Und auf Facebook hatte sich bereits eine Initiative formiert, die ihre Ausladung forderte. Was dann auch geschah, um einem Eklat vorzubeugen.
Noch vor dem Angriff Israels auf eine Gaza-Hilfsflotte hatte sich die notorische Israel-Kritikerin in die Nesseln gesetzt: „Die Juden sollen sich in Palästina zum Teufel scheren“, sagte sie unverblümt in einem Video-Interview der Homepage „rabbilive.com“. „Sie sollen nach Polen, Deutschland, in die USA oder wohin auch immer zurückkehren.“ Nach dem Überfall hakte sie nach: Die US-Reaktion sei „erbärmlich“. „Bei jedem anderen Land hätten wir zu den Waffen gegriffen.“
Mit Verzögerung trat in der jüdischen Community und darüber hinaus ein Sturm der Entrüstung los. „Sie tritt für religiöse Säuberung ein“, echauffierte sich Ari Fleischer, Ex-Sprecher von George W. Bush. Von der Hearst-Gruppe verlangte er die Kündigung der Kolumnistin. „Das wäre so, als würde man die Schwarzen auffordern, nach Afrika zu gehen“, sagte ein anderer Ex-Bush-Mann. Mit Fleischer hatte sich die Tochter libanesischer Immigranten während des Irak-Kriegs Wortduelle geliefert – sofern sie in der Ära Bush überhaupt zu Fragen aufgerufen wurde. Denn Fleischer & Co. übergingen die bohrende Fragestellerin, eine Gegnerin des Irak-Kriegs.
Die bald 90-Jährige gilt als Institution im journalistischen Elitezirkel Washingtons, als erste politische Journalistin brach sie in einen Männerklub ein. 50 Jahre saß Helen Thomas in der ersten Reihe des Briefing-Rooms des Weißen Hauses. Als Korrespondentin der Nachrichtenagentur UPI nahm sie sich das Recht heraus, bei Pressekonferenzen die erste Frage zu stellen und sie auch mit der Floskel abzuschließen: „Thank you, Mr. President.“
Angefangen von John F. Kennedy – dessen Faszination sie erlag – bis hin zu Barack Obama begleitete sie zehn Präsidenten durch Höhen und Tiefen ihrer Amtszeit. Bill Clinton scherzte bei seinem Abschied: „Präsidenten kommen und gehen. Aber Helen bleibt.“ In einem Video machte er sich damals über seinen Status als „lame duck“ – als lahme Ente – lustig. Darin leitete er die Schlusspointe ein: „Noch Fragen?“ Helen Thomas, die einzige Anwesende im Presseraum, fuhr aus dem Schlaf auf und fragte frech zurück: „Sind Sie immer noch da?“
Sie gefiel sich darin, sich stets in der Nähe der Macht aufzuhalten und doch Distanz zu wahren. Im Genre der Präsidentenfilme, etwa in „Dave“ (mit Kevin Kline), gehörte sie beinahe zum Zubehör. Cameo-Auftritte ziehen sich durch die Spätphase ihrer Karriere.
Als sie vor zehn Jahren aus Protest gegen einen Eigentümerwechsel ihren Vertrag bei UPI auflöste, um als Kolumnistin bei der Hearst-Gruppe anzuheuern, gestanden ihr die Kollegen weiter den Ehrenplatz in der ersten Reihe zu. Die raren Sitzplätze in dem winzigen Saal sind an sich nur Korrespondenten vorbehalten.
Mit runzligem Gesicht kauerte die kleinwüchsige Frau auf ihrem blauen Sitz und wurde zuletzt immer schrulliger, belächelt von Robert Gibbs, Obamas Pressesprecher. Doch sie stellte immer noch unbequeme Fragen. Bei der ersten Pressekonferenz Obamas fragte sie aus heiterem Himmel heraus nach Israels Atombombe – eine Tabufrage.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2010)