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Gastkommentar

Tierquälerei bei Fuchsjagd: Kein schöner Tod, Herr Premier!

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APA/AFP/KENZO TRIBOUILLARD

Offener Brief an Boris Johnson. Eine in England seit 2004 verbotene Tierquälerei, die Fuchsjagd, soll wieder legalisiert werden.

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Stellen Sie sich vor, Boris Johnson, Sie sind für einen Tag nicht der Mensch, der Sie sind, sondern ein Fuchs.

Aber nicht der schlaue Reineke in der Fabel, sondern das leibhaftige Wildtier im britischen Wald. Sie waren die ganze Nacht auf Mäusejagd, um Ihre fünf Welpen mit Futter zu versorgen, kehren morgens mit der Beute heim, aber der Eingang zum Fuchsbau, in dem Ihre hungrigen Kinder warten, ist verstopft.

Durch den Jäger des Gutsherrn, um bei der für diesen Tag angesetzten berittenen Hatz mit der Hundemeute zu verhindern, dass sich der Fuchs in seinem Bau versteckt. Sind unter den Jagdgästen am Ende gar Royals, muss man allerdings auf tot(!)sicher gehen, was des Waidmanns Heil betrifft: Dann wird der Fuchs bereits Tage bevor er grausam abgeschlachtet wird lebend eingefangen, um ihn, wenn am Jagdtag zum Halali geblasen wird, aus der Kiste frei laufen zu lassen.

Als Fuchs, Herr Johnson, rennen Sie dann buchstäblich um Ihr Leben, verfolgt von einer aufgebrachten Hundemeute und einer rot befrackten Jagdgesellschaft hoch zu Ross über Stock und Stein.

Bis die kläffenden Köter Sie, Herr Johnson, als Fuchs, eingeholt haben und bei lebendigem Leibe in Stücke zu zerreißen bemüht sind. Als lustbefriedigende Endhandlung der reitenden Waidmänner werden Sie in Ihrem Todeskampf schließlich vom Jäger des Gutsherrn mit seinem Stiefel zu Tode getreten und anschließend hochgehoben als „Trophäe“ (griechisch: Siegeszeichen) und durch die Jagdhornbläser „verblasen“.

 

Hungertod der Welpen

Kein schöner Tod, Herr Premierminister, wenn Sie sich in den Fuchs versetzen, dessen grausames Schicksal Sie als Mensch zu verantworten haben. Und dazu freilich auch noch den elenden Hungertod der im Fuchsbau eingesperrten fünf Welpen. Weil Sie diese waidmännische Perversion per Gesetz freizugeben beabsichtigen. Ein den zivilisierten Menschen beschämendes Folterspiel, an Niederträchtigkeit dem spanischen Stierkampf gleich.

 

Arroganz und Verlogenheit

Die Rechtfertigungsargumente sind an Arroganz und Verlogenheit kaum zu überbieten:

Füchse müssen angeblich als Tollwutüberträger bekämpft werden, obwohl gerade der Inselstaat Großbritannien das Glück hat, tollwutfrei sein. Als „Räuber“ gefährden Füchse angeblich die Biodiversität, eine auch bei uns verbreitete Falschmeldung.

Ein Verbot der Parforcejagd würde Arbeitsplätze gefährden – mit diesem Argument könnte genauso gegen Abschaffung der Todesstrafe gewettert werden dort, wo es sie noch gibt.

In Sorge um die Existenz der Henker. Und schließlich das Totschlagargument „Tradition“.

Dazu zählten aber auch zum Beispiel jene öffentlichen Hinrichtungen, zu denen in London jeweils am Sonntag die Bürgerinnen und Bürger mit Fernglas und vornehm gekleidet wie beim Pferderennen erschienen sind, um an der grausamen „Sehenswürdigkeit“ teilhaben zu können.

 

Potenzielle Folterkandidaten

Nun aber zurück zum Fuchs, den Sie, Boris Johnson, dem Foltertod freizugeben beabsichtigen. Liegen Ihnen die Befürworter dieser abscheulichen Tierquälerei als potenzielle Wähler mehr am Herzen als Füchse als potenzielle Folterkandidaten?

Kein Mitgefühl mit unseren vierbeinigen Mitgeschöpfen?

Ihr Defizit an Menschlichkeit ist erschreckend, Herr Premierminister!

 

Prof. Dr. Antal Festetics (geboren 1937) ist Zoologe, Verhaltensforscher, Wildbiologe und Naturschützer, er moderierte viele Jahre lang die ORF-Sendung „Wildtiere und wir“ und lehrt Wildbiologie an der Universität Göttingen.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2019)