Lokalkritik

Testessen in der Bar Campari

Kantersieg der Barkeeper: Die roten Drinks brauchen sich auch im Vergleich zu Mailand nicht verstecken, in der Küche regiert aber die angezogene Handbremse.

„Nein, danke, wir gehen lieber noch ins Kameel", so eine Dame an der Kante eines sichtlich nicht allzu bequemen Poufs auf die Frage nach einem weiteren Getränk. „Liebe Grüße!", sagt der weiß ­livrierte Kellner. Allzu groß dürfte die Konkurrenz zwischen der neuen Campari-Bar und dem Schwarzen Kameel trotz eklatanter Kundschaftsüberschneidung nicht sein. Ebenso wenig wie die Entfernung zwischen den beiden von Peter Friese beaufsichtigten Lokalen im Eck Bognergasse/Tuchlaubenhof (und beaufsichtigt ist wörtlich zu nehmen – Frieses Argus­augenblick auf die Handgriffe hinter der Bar in den Anfangstagen ist unbezahlbar). Die zentrale und doch versteckte Innenstadtadresse mit Investor René Benko im Hintergrund war nach der Insolvenz des Aï länger leer gestanden. Zur Erinnerung: Dem Aï, einem millionenteuren Nobelasiaten unter nahöstlicher Führung, war kein langes Überleben beschieden. Bis auf die Toiletten wurde das Lokal vom Architektenteam um Matteo Thun komplett umgestaltet. Ein Holzboden mit Rautenstruktur. Rote Samtrundbänke, Poufs, Schalenstühle mit schwarz-weißem Außenbezug.

(c) Christine Pichler

Nicht ganz austariertes Licht und, warum auch immer, eine Vielzahl an kleinformatigen Bilderrahmen aus hellem Holz, die an die entsprechende Ikea-Abteilung erinnern. Das schönste, weil gemäldeartige Fenster des Aï Richtung Rückseite der Kirche Am Hof wurde komplett verbaut – hier stehen nun die Barkeeper aufgereiht. Die Bar ist freilich kurz geraten angesicht der Diskrepanz zwischen der hohen Qualität der Drinks und dem, was aus der Küche kommt. Was da von Ne­­groni profumato über Beer Americano (Negroni mit Bierschaum) bis hin zu Campari Spritz mit ordentlich Schaum fabriziert wird, hat ebenso viel Klasse wie die Vor­bilder im Art-nouveau-Schmuckstück Camparino neben dem Mailänder Dom.

Hält sich die Küche deshalb gar so zurück? Hier trifft man auf Italianità mit auffallend angezogener Handbremse: Zwar knusprig, aber fast kalt das Fritto misto (17,50 Euro). Von solider Konsistenz, aber befremdlich nach nichts schmeckend der Risotto milanese mit Garnelen (16,50). Die Panzanella (12,50) sieht dank der kleinwürfeligen Struktur aus wie Dosenkompott und schmeckt nicht einmal nach Olivenöl, das Gleiche gilt für das salzlose Oktopuscarpaccio mit Fenchelhobeln. Die Gnocchi mit aromablasser Paradeissauce sind große, innen hohle Gleichformat-Fertigpölster – man hätte sie, merkt die Tischgenossin an, doch so schön mit Salz füllen können!

Info

Bar Campari, Seitzergasse 6, 1010 Wien, Tel.: +43/(0)1/532 35 53 , Restaurant: Mo–Sa: 8–24 Uhr.

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("Die Presse-Schaufenster", 19.07.2019)