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Gastkommentar

Schumpeter dreht sich im Grabe um

Wettbewerb auf digitalen Plattformen, Josef A. Schumpeter und die österreichische Politik.

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Immer mehr Produkte und Dienstleistungen werden auf digitalen Plattformen wie Airbnb, eBay oder Uber angeboten. Damit treten neue Anbieter auf den Markt, der Wettbewerb fällt intensiver aus – traditionelle Anbieter kommen unter Druck.

Einer der Großen der österreichischen Nationalökonomie, Joseph A. Schumpeter (1883 bis 1950), hat dies „schöpferische Zerstörung“ genannt. Doch was in Schumpeters Worten martialisch klingt, ist eine Triebfeder wirtschaftlicher Entwicklung und ein Segen für die Verbraucher: Durch eine Innovation erlangt ein Unternehmen eine Alleinstellung auf dem Markt, die es ihm zunächst erlaubt, einen relativ hohen Preis zu verlangen und entsprechende Profite zu generieren. Dies regt andere Anbieter an zu imitieren, sodass die Innovation in den Markt diffundiert und über den Wettbewerb die Preise sinken. Märkte unterliegen also einem ständigen Wandel, bei dem alte Produkte, Produktionsverfahren und Strukturen „zerstört“ und neue geschaffen werden. Dies muss aber nicht mit Zerstörung in engeren Sinne einhergehen: Technischer Fortschritt führt oft dazu, dass etablierte Unternehmen ihre Produktivität erhöhen, sich anpassen oder vollkommen neue Geschäftsfelder entstehen. Im Endeffekt profitieren die Verbraucher – durch neue Produkte, bessere Qualität und niedrigere Preise.

Ein Prozess schöpferischer Zerstörung läuft derzeit auch bei der Digitalisierung und digitalen Plattformen ab. Vor allem mit Letzteren ist ein erheblicher Nutzen verbunden. So verringern sich die Such- und Tauschkosten für Anbieter und Nachfrager: Durch Flohmarkt-Apps wird es einfacher, gewünschte Artikel und ihre Interessenten zu finden. Durch Carsharing-Plattformen wird es leichter, Autos gemeinsam zu nutzen. Schlussendlich bedeutet das mehr Wahlmöglichkeiten und niedrigere Preise, und es können teils ungenutzte Ressourcen zur Verwendung gebracht werden. Insgesamt steigen Absatz, Einkommen und der Wohlstand einer Volkswirtschaft. Daneben spielt eine Vielzahl weiterer Nutzenkategorien eine Rolle, wie ökologische Motive bei den Usern von Car- bzw. Ridesharing-Plattformen oder soziale Motive bei Accomodation Sharing Plattformen.

 

Welche Regeln brauchen wir?

Allerdings bemängeln etablierte Anbieter in den Bereichen Gast- und Taxigewerbe oder Apothekenhandel, dass im Zuge digitaler Geschäftsmodelle bestehende Regulierungen, z. B. beim Arbeits-, Umwelt- oder Steuerrecht, unterwandert werden. Tatsächlich ist es Aufgabe des Staates, für faire Wettbewerbsbedingungen für traditionelle und neue Anbieter zu sorgen. Eine unreflektierte Ausdehnung bestehender Regularien auf neue Geschäftsmodelle ist dabei aber ebenso wenig sinnvoll wie eine vollständige Liberalisierung ohne dabei relevante Aspekte der Sicherheit oder des Verbraucherschutzes zu berücksichtigen.

Gerade in Zeiten technischen Fortschritts sollte immer wieder überprüft werden, welche bestehenden Regularien noch notwendig sind, welche gelockert werden können und wo neuer Regulierungsbedarf entstanden ist. So können digitale Plattformen und Netzwerke zur Monopolbildung neigen, da allein ihre Größe eine Markteintrittshürde für neue Anbieter darstellen kann. Andererseits haben Navigationssysteme zur Folge, dass in der Ausbildung zum Taxilenker auf die Prüfung detaillierter Kenntnisse des Straßennetzes verzichtet werden könnte. Auch verhindert in diesem Bereich die jüngst beschlossene Ausweitung der Preisregulierung auf Mietwagenunternehmen günstigere Preise für die Fahrgäste sowie eine bessere Auslastung. Schumpeter dreht sich wohl im Grabe um.

Prof. Dr. Tobias Thomas ist Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts Eco Austria.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2019)