Erzdiözese

Begegnungszentren: „Staun-Räumchen“ statt Kirche

Sieht so eine Kirche aus? Nein. Aber eine katholische Begegnungszone (rechts Erdgeschoßräume) wie das fast fertige „FranZ“ in der Nordbahnsiedlung.
Sieht so eine Kirche aus? Nein. Aber eine katholische Begegnungszone (rechts Erdgeschoßräume) wie das fast fertige „FranZ“ in der Nordbahnsiedlung.(c) APA/NORBERT OBERNDORFER

Abschied vom Bau (großer) Gottesdienststätten. In neuen Stadtteilen wird auf multifunktionale Konzepte gesetzt.

Wien. In nicht einmal einer Generation hat die Hälfte der Wiener Katholiken die katholische Kirche verlassen. Nur noch jeder Dritte ist in der Diözese Kardinal Christoph Schönborns Mitglied. In den Strukturen bildet sich dieses Faktum noch kaum nach. Pfarrzusammenlegungen, wie vom Erzbischof ursprünglich in großem Stil vorgesehen, scheitern oft am hinhaltenden Widerstand vor Ort. Reagiert wird hingegen bei Kirchenbauten.

Sie finden de facto nicht mehr statt – auch nicht in neuen Stadtteilen. Begegnungszonen sind derzeit in aller Munde, seitens der Kirche sind es Begegnungszentren. Mit diesen will die Erzdiözese eine Präsenz aufbauen, „die nicht wie ein klassischer Kirchenbau daherkommt“, formuliert Kardinal Schönborn. Das habe aber nichts damit zu tun, „dass wir modern ausschauen wollen“. Harald Gnilsen, Bauamtsleiter der Erzdiözese, ergänzt: „Wir wollen es nicht machen wie früher, dass wir eine große Kirche hinstellen.“ Zunächst würden Räume gemietet werden: „Wenn sich eine größere Gemeinde bildet, sich Menschen finden, dann schauen wir weiter.“

Aktuell gibt es in den Wiener Stadtentwicklungsgebieten Projekte, die diese Strategie verdeutlichen. So entsteht auf dem Areal des ehemaligen Nordbahnhofs ein multifunktionaler Kirchenraum. In einem 190 Quadratmeter großen Erdgeschoßlokal wird im Februar 2020 das katholische Begegnungszentrum „FranZ“ eröffnet.

 

„Reinschleichen“ erwünscht

Derzeit ist dort der Innenausbau voll im Gang. Neben einem Büro und einem Gesprächsraum bietet laut zuständigem Pfarrer, Konstantin Spiegelfeld, das neue Zentrum einen Empfangsraum, eine beidseitig geöffnete Küche und einen Veranstaltungsraum. Außerdem gibt es ein sakrales „Staun-Räumchen“, in das sich Besucher für Gebet und Stille auch durch den Hintereingang „reinschleichen“ können, fügt Pastoralassistentin Anna Asteriadis hinzu.

Namensspender für das neue Begegnungszentrum waren der heilige Franziskus von Assisi und Papst Franziskus, die sich beide eine Kirche der Armen wünschen. Die Gesamtkosten für die Errichtung und Ausstattung von „FranZ“ belaufen sich laut Spiegelfeld auf 350.000 Euro.

Einige Kilometer vom Nordbahnhofareal entfernt, in der Seestadt Aspern, befindet sich das Edith-Stein-Zentrum. Dieses ist bereits seit 2016 in Betrieb. Laut Bauamtschef Gnilsen hat das Angebot bisher großen Zuspruch gefunden, vor allem junge Familien, die Gemeinschaft suchen, würden sich dort treffen.

Noch immer in der Planungsphase befindet sich unterdessen, wie bereits mehrfach berichtet, der Campus der Religionen, der ebenfalls in der Seestadt entstehen soll. Dafür hat die Stadt ein 10.000 Quadratmeter großes Areal zur Verfügung gestellt, auf dem zahlreiche Religionsgemeinschaften Objekte errichten können. Die Kosten für die Gebäude sind von den Religionsgemeinschaften zu tragen. Plan ist, dass der Spatenstich 2020 erfolgt. Seitens der Erzdiözese werde gerade eine Bebauungsstudie erarbeitet, so Gnilsen.

 

2008 letzter Neubau

Auf dem Gebiet der Erzdiözese Wien, das neben dem Stadtgebiet tief nach Niederösterreich reicht, werden laut Gnilsen jährlich ungefähr 500 kleinere Bauvorhaben wie Renovierungen, Erhaltungs- und denkmalpflegerische Arbeiten an Kirchen, Pfarrhöfen, -heimen in den rund 600 Pfarrgemeinden durchgeführt. Insgesamt gibt die Erzdiözese jährlich für Baumaßnahmen 25 bis 30 Millionen Euro aus. Die jüngsten klassischen Neubauten waren die Kirche in Oberrohrbach in der Pfarre Kleinwilfersdorf/Niederösterreich (2008) und die Kapelle im Landesklinikum Hainburg (2014). Letztere wurde vom Land Niederösterreich finanziert. (APA/red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2019)