Kartelle

Wie kriminelle Gangs Mexiko terrorisieren

Angehörige der Ermordeten trauern vor den ausgebrannten Wagen. Die mexikanischen Behörden erfuhren von dem Überfall auf die Mormonen erst Stunden später.
Angehörige der Ermordeten trauern vor den ausgebrannten Wagen. Die mexikanischen Behörden erfuhren von dem Überfall auf die Mormonen erst Stunden später.(c) REUTERS (Jose Luis Gonzalez)

Nach einem Blutbad an neun US-Mormonen wird die Kritik an Präsident López Obrador immer lauter. Er will die Gewalt eindämmen.

Mexiko-Stadt/Wien. Rhonita Maria Miller machte sich früh am Montagvormittag auf den Weg nach Phoenix, Arizona (USA). Die gläubige Mormonin von der kleinen Gemeinde in La Mora im mexikanischen Bundesstaat Sonora wollte ihren Mann vom Flughafen abholen, um den Hochzeitstag zu feiern. Also setzte die 30-Jährige ihre vier Kinder in den Chevrolet Tahoe und machte sich auf den Weg in Richtung US-Grenze. Sie erreichten ihr Ziel nie. Nach gut 20 Kilometern eröffneten Bewaffnete das Feuer auf den Wagen. Miller und ihre Kinder, darunter zwei acht Monate alte Zwillinge, starben im Kugelhagel.

Auch zwei weitere Frauen, Christina Langford Johnson (31) und Dawna Langford (43), und zwei ihrer Kinder überlebten die Fahrt nicht. Die Langfords hatten Miller mit den Autos bis zum Highway begleiten und dann zu einer Hochzeit in der Schwestergemeinde Colonia LeBarón im Bundesstaat Chihuahua weiterfahren wollen. In dieser Gegend im Norden Mexikos, wo einander Drogenkartelle und kriminelle Banden bekämpfen, hält sich die Glaubensgemeinschaft an einfache, aber notwendige Sicherheitsregeln. Eine lautet, nicht bei Nacht zu fahren. Die zweite, immer im Konvoi unterwegs zu sein. Doch auch die Langfords wurden am helllichten Tag von Schüssen durchsiebt.

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Mormonen-Mord in MexikoDie Presse, PW

Die mexikanischen Behörden erfuhren von dem blutigen Überfall erst Stunden später: Der 13-jährige Sohn von Dawna Langford konnte sich mit sechs jüngeren Geschwistern in die Büsche retten. Er versteckte seine Brüder und Schwestern und lief dann sechs Stunden lang nach La Mora zurück, um Hilfe zu holen. Nun rätselt ganz Mexiko über die Hintergründe der Tat.

Die Behörden in Mexiko verdächtigen das Drogenkartell „La Linea“. Bisherigen Ermittlungen zufolge habe das Kartell aus dem mexikanischen Bundesstaat Chihuahua ein Todesschwadron in die bergige Region an der Grenze zum Bundesstaat Sonora entsandt, um eine rivalisierende Gang abzuwehren, sagte Generalstabschef Homero Mendoza am Mittwoch. Die Behörden vermuten, dass die Familie irrtümlich von den Drogengangstern angegriffen wurde, die das feindliche Kartell "Los Salazar" im Visier hatten.

Doch das Massaker wirft ein Schlaglicht auf die steigende Macht der organisierten Kriminalität in Teilen des Landes. Konkurrierende Drogenbanden in Chihuahua und Sonora – darunter das mächtige Sinaloa-Kartell des in den USA inhaftierten Drogenbosses Joaquím „El Chapo“ Guzman – wurden sofort verdächtigt.

Blutige Machtdemonstration

Der mexikanische Präsident, Andrés Manuel López Obrador, seit Dezember im Amt, gerät immer stärker unter Druck. Er hatte die Wahl mit dem Versprechen gewonnen, die eskalierende Gewalt einzudämmen. Doch mit bereits 26.000 Morden in den ersten neun Monaten könnte 2019 das bisher blutigste Jahr in Mexiko werden. Und in den vergangenen Wochen haben die Kartelle mehrfach grausam ihre Macht demonstriert. Erst starben 14 Polizisten in Michoacán in einem Hinterhalt. Dann brachten vor drei Wochen Hunderte Bewaffnete des Sinaloa-Kartells die knapp eine Million Einwohner zählende Stadt Culiacán unter ihre Kontrolle, um die Festnahme von El Chapos Sohn zu verhindern – auch für Mexiko ein nie dagewesener Vorgang. Mit Erfolg: Ovidio Guzmán Lopez wurde auf freien Fuß gesetzt.

Mit dem Massaker von La Mora erhält das Problem auch eine internationale Dimension: Die Opfer sind, wie die meisten Mitglieder der Mormonen-Gemeinde, US-mexikanische Doppelstaatsbürger. Ihre Vorfahren waren – wie auch die Familie des einstigen republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Mitt Romney – in den 1880er- und 1890er-Jahren von den USA nach Mexiko ausgewandert, um dem Polygamieverbot der US-Regierung zu entgehen.

Der US-Präsident bot via Twitter prompt seine Hilfe an: „Es ist Zeit, dass Mexiko mit der Hilfe der Vereinigten Staaten Krieg gegen die Drogenkartelle führt und diese von der Erdoberfläche fegt. Wir warten nur noch auf einen Anruf von dem großartigen neuen Präsidenten!“, schrieb Donald Trump am Dienstag. Die USA seien „bereit, willig und fähig“, dabei zu helfen, diese „Monster“ auszulöschen.

„Umarmungen statt Kugeln“

López Obrador, zu dessen Slogans „Umarmungen statt Kugeln“ zählte und der auf Sozialprogramme statt Militär setzte, erklärte sich zwar zu Gesprächen mit Trump bereit. Gleichzeitig müsse aber die Souveränität Mexikos gewahrt bleiben, sagte er. Und: „Man kann Gewalt nicht mit Gewalt bekämpfen.“

Für die Mormonen von La Mora und der Colonia ElBarón reißt das Blutbad kaum verheilte Wunden auf: 2009 war Benjamín LeBarón, ein Urenkel des Gemeindegründers, von Mitgliedern einer Drogengang ermordet worden, weil er sich gegen die Macht der Kartelle engagiert hatte. Erst in den letzten Jahren sei es friedlicher geworden, sagte Ruth Wariner, Tante der ermordeten Rhonita Miller, der „New York Times“. Es habe „eine Art Waffenstillstand“ gegeben. Möglicherweise ein Trugschluss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2019)

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