Replik

Wir sind keine Ideologen, sondern ehrlich besorgt!

(c) Peter Kufner

Einer der von Hans Winkler angesprochenen „Opas for Future“ reagiert und erinnert, dass der Klimawandel ein urchristliches Thema ist.

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Hans Winkler hat in der „Presse“ vom 5. 11. einen Kommentar geschrieben („,Opa for Future‘ und andere Retter der Welt“), in dem er erklärt, die derzeitige Fokussierung der Öffentlichkeit auf das Thema Klimawandel erinnere ihn an eine „Klimaideologie, die die Züge einer Pseudoreligion annimmt, die nun auch von der katholischen Kirche vertreten wird“. Den „Propagandisten“ der Klimabewegung wirft er vor, Endzeitstimmung zu verbreiten. In dem Artikel bekommen natürlich auch Carola Rackete, Greta Thunberg, ein „Opa for Future“, besorgte Menschen, die beginnen, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern, und sogar die katholische Kirche ihr Fett ab.

Das Muster, jene anzugreifen, die sich große bis sehr große Sorgen um die Natur, die historisch noch nie dagewesene Erderwärmung und die katastrophalen Folgen für Millionen Menschen machen, tritt in den vergangenen Monaten leider noch stärker auf. Von den üblen Hasstiraden, die offensichtlich netzüblich sind, abgesehen, kommt aus diversen Kreisen z. B. immer dieselbe Kritik am Alter von Greta Thunberg, der Hinweis auf ihr Asperger-Syndrom und ihr Fernbleiben von einem Schulunterricht etc. Mit keinem Wort wird darauf eingegangen – auch nicht im Kommentar von Hans Winkler –, dass es nicht Rackete oder Thunberg oder die Kirche sind, die der Ursprung für die verzweifelten Warnrufe sind, sondern Zigtausende Menschen, die sich hauptberuflich mit diesem Thema befassen, nämlich die Klimawissenschaftler. Deren Erkenntnisse und teilweise dramatische Warnungen als „Klimaideologie“ abzutun ist ein starkes Stück.

Menschen, die aus Verantwortungsgefühl auf unterschiedliche Art versuchen, dieser Botschaft der Wissenschaftler Gehör zu verschaffen, als „Propagandisten“ abzutun, ist vor allem traurig.

Wer den Wissenschaftlern nicht glauben will, hat auch die Möglichkeit, den Hausverstand zu bemühen. Gerade Menschen, die den Zeitraum von 1950 bis heute aus eigener Erfahrung überblicken, so wie Herr Winkler und ich, können einige Fakten sicher nachvollziehen: Die Weltbevölkerung ist um 4,5 Milliarden Menschen angewachsen. Der Verbrauch an fossilen, CO2 produzierenden Rohstoffen, nämlich Kohle, Öl und Erdgas, ist weltweit von 20.000 Terawattstunden auf 120.000 TWh gestiegen. Der Fleischkonsum hat sich in etwa versechsfacht. Die Anzahl der Autos ist von rund 100 Millionen auf mehr als eine Milliarde gestiegen, der Flugverkehr auf 40 bis 50 Millionen Flugbewegungen angewachsen usw. Dass das alles nicht ohne Auswirkungen auf die dünne Atmosphäre und die sensible Natur der Erde bleiben kann, sollte eigentlich einleuchten. Und dass wir in unserem reichen Land ein Niveau im Konsum von Sachgegenständen erreicht haben, das, hochgerechnet auf die absehbare Weltbevölkerung, nicht durchstehbar ist, liegt wohl auch nicht außerhalb des Vorstellungsvermögens.

Dass immer mehr Menschen daran zweifeln, ob ein Wirtschaftssystem, das uns diesen explosionsartigen Ressourcenverbrauch beschert hat, auch tatsächlich nachhaltig sein kann, darf nicht verwundern.

Und wenn dann einer der „Opas for Future“, zu denen ich mich mit meinen neun Enkelkindern auch zählen darf, aus den gesammelten Fakten den Schluss zieht, dass unsere in vielen Belangen geschichtlich einmalig privilegierte Generation letztlich gedankenlos zulasten der Umwelt gelebt hat, dann kann ich für meinen Teil nur zustimmen.

Wer hat es nicht wissen wollen?

Thunberg, Rackete und Co. verlangen die radikale Abkehr von unseren derzeitigen Konsumgewohnheiten auf der Basis der Empfehlungen der Klimawissenschaftler. In welchem gesellschaftlichen System der notwendige radikale Wandel vollzogen werden kann, ist Ansichtssache. Darüber kann man und muss man diskutieren. Eine Rückkehr zu einem dem Wesen nach ja auch zutiefst „material“-istischen „realen Sozialismus“ osteuropäischer Prägung wird wohl keine attraktive Option sein. Mit der von dem ehemaligen Vizekanzler Joschi Riegler vorgeschlagenen „ökosozialen Marktwirtschaft“ hätte Österreich ein vielversprechendes Modell zur Bewältigung der großen Herausforderungen. Ohne ökologisch notwendige, substanzielle Veränderungen in Politik und persönlichen Lebensgewohnheiten wird es aber auch in diesem System nicht gehen. Einen sehr wesentlichen Beitrag zur Vermeidung der klimazerstörenden Energieträger Kohle, Öl und Erdgas können erneuerbare Energien leisten. Einziges Instrument zur Lösung aller Probleme sind sie aber auch nicht.

Originell ist Winklers Analogie zwischen „Klimaleugnern“, wohl „Klimawandelleugnern“, und „Holocaust-Leugnern“. Bei aller Unvergleichbarkeit geht es dabei letztlich um die Verantwortung der Zivilgesellschaft für unakzeptable Vorgänge. Im Nachhinein geht es immer um die Frage: „Wer hat was gewusst?“ Angesichts der Informationsdichte zum Klimawandel wird man wohl fragen müssen: „Wer hat was nicht wissen wollen?“ Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Winklers Kritik richtet sich aber insbesondere gegen die Kirche, speziell die katholische. Er meint, die Kirche folge hier einer „Mode“. Fakt ist jedoch, dass schon Papst Paul VI. im Jahre 1971 schreibt: „Infolge einer rücksichtslosen Ausbeutung der Natur läuft er (der Mensch, Anm.) Gefahr, sie zu zerstören und selbst Opfer dieser Zerstörung zu werden.“ Er betont dabei auch „die Dringlichkeit und die Notwendigkeit eines radikalen Wandels im Verhalten der Menschheit“ – prophetische Worte in der antikonsumistischen Tradition der Kirche eines Franz von Assisi und vieler anderer. Papst Johannes Paul II: „Der Mensch scheint oft keine andere Bedeutung seiner natürlichen Umwelt wahrzunehmen, als jene, die den Zwecken eines unmittelbaren Gebrauchs und Verbrauchs dient.“ Auch der polnische Papst hat in den 1980er-Jahren zu einer weltweiten ökologischen Umkehr aufgerufen. Und der griechisch-orthodoxe Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., engagiert sich schon seit vielen Jahren für einen sorgsamen Umgang mit der Schöpfung. Alles lang vor Thunberg und Rackete.

Papst Franziskus hat – auch noch vor Thunberg – mit „Laudato si“ dem Umweltthema eine sehr bemerkenswerte Enzyklika vorgelegt, die ich Herrn Winkler (und allen Interessierten) dringend zur Lektüre empfehle. Der Papst legt in diesem Schreiben sehr klar dar, warum das Umwelt- und Klimawandelthema ein urchristliches Anliegen ist. Im Christentum geht es um „ein Leben in Fülle“, im Einklang mit Gott, den Menschen und der uns geschenkten, so großartigen und jetzt gefährdeten Natur. Ein solches christliches Leben bietet im Gegenzug für manch materiellen Verzicht die Chance auf inneren Reichtum und Frieden. Dass viele Frauen und Männer in der Kirche jetzt sagen: „Ja, wir unterstützen die Bemühungen zur Rettung unserer Lebensgrundlagen“, ist daher ein sich aus der christlichen Lehre ergebendes „Muss“. Als Katholik bin ich stolz auf und dankbar für dieses Engagement.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Der Autor

Peter Püspök (*1946) ist ehemaliger Generaldirektor der Raiffeisen-Landesbank NÖ-Wien und derzeit Präsident des Dachverbands Erneuerbare Energie Österreich. Er war u.a. Vizepräsident im Aufsichtsrat des Verbund und einigen anderen Unternehmen und ehrenamtlich u. a. als Kuratoriumsvorsitzender im Kunsthistorischen Museum tätig.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2019)