Statistik

Lebensqualität und Wohlstand auf Kosten der Umwelt erkauft

Die Österreicher wurden wohlhabender und glücklicher.
Die Österreicher wurden wohlhabender und glücklicher.(c) APA/HERBERT PFARRHOFER

Die Österreicher wurden wohlhabender und glücklicher. Dafür stiegen CO2-Ausstoß und Flächenverbrauch.

Wien. Wie geht es Österreich? Seit dem Jahr 2012 stellt sich die Statistik Austria einmal im Jahr diese Frage, um sie auch gleich selbst zu beantworten. „Denn der Blick nur auf das Bruttoinlandsprodukt greift oft zu kurz“, so Statistik-Chef Konrad Pesendorfer am Donnerstag bei der Präsentation des aktuellen Berichts. Daher soll eine Rundschau über dreißig verschiedene Indikatoren die eingangs gestellte Frage beantworten.

Das diesjährige Ergebnis ist dabei äußerst erfreulich. So geht es den Österreichern wirtschaftlich so gut wie schon lange nicht mehr. Dadurch ist auch die Lebenszufriedenheit auf einem neuen Bestwert. Wermutstropfen ist in der Bestandsaufnahme jedoch das Kapitel Umwelt: Denn hier steigen Verkehr, Energieverbrauch und somit auch die Treibhausgasemissionen konstant an.

Beim Wohlstand lag Österreich 2018 im EU-Spitzenfeld. Mit einem BIP pro Kopf von 39.320 Euro sind nur Luxemburg, Irland und die Niederlande weiter vorn. Luxemburg und Irland seien jedoch Sonderfälle, weil dort die Finanzwirtschaft beziehungsweise die Europazentralen von US-Konzernen die Statistik verzerren, meint Pesendorfer.

 

Jahre der Stagnation

Dieses gute Ergebnis gibt es, obwohl Österreich zwischen 2011 und 2015 sogar eine Stagnation beim BIP pro Kopf hatte. Der Grund dafür war die „sehr dynamische Bevölkerungsentwicklung, mit der die Produktivität nicht mithalten konnte“, so der Statistik-Chef. Die jüngste Zuwanderungswelle im Rahmen der Flüchtlingskrise dürfte dabei übrigens keine Rolle spielen. Denn seit 2015 legt das heimische BIP pro Kopf wieder zu. In Summe gab es seit 2000 ein Plus von 20 Prozent.

Bei den Haushaltseinkommen ist der Zuwachs allerdings etwas schwächer angekommen, diese wuchsen seit dem Jahr 2000 nur um zehn Prozent. Daran ist laut den heimischen Statistikern die EZB mit ihrer Nullzinspolitik schuld. „In der Verteilung der Einkommen konnten die privaten Haushalte weniger stark profitieren als die Unternehmen und der Staat.“ Letztere seien nämlich in der Regel stärkere Schuldner und profitierten von den niedrigen Zinsen, Erstere seien eher Sparer, die nun Kapitaleinkommen verlieren würden, so Pesendorfer.

In Summe ist die wirtschaftliche Lage der Österreicher aber auf einem langjährigen Höchststand. Grund dafür ist unter anderem die Erwerbsquote, die mit 76,2 Prozent ihren historischen Höchststand hat und nur knapp unter dem von der EU vorgegebenen Zielwert von 77 Prozent liegt.

 

Weniger Arme

Das macht sich auch bei den sozial Schwachen bemerkbar. Zwar liegt die Republik mit 4,9 Prozent Armutsgefährdeten in der Bevölkerung im EU-Vergleich „nur“ an achter Stelle. „Österreich zählt aber zu den reichsten Ländern in der EU. Daher ist es auch schwieriger, die Schwelle, die mit 60 Prozent des Medianeinkommens definiert ist, zu überspringen“, sagt Pesendorfer.

Anders ist das bei den sogenannten „erheblich deprivierten“ Menschen. Das sind Personen, die sich beispielsweise eine ungeplante Ausgabe von rund 1000 Euro nicht leisten können. Und hier ist der Wert in den vergangenen Jahren konstant zurückgegangen. So fielen im Jahr 2008 noch 5,9 Prozent der Österreicher in diese Kategorie. Heute sind es nur noch 2,8 Prozent, was rund 243.000 Personen entspricht.

„In materiellen Belangen geht es den Österreichern sehr gut“, fassen die Statistiker die Ergebnisse zusammen. Und das spiegle sich auch in der allgemeinen Lebenszufriedenheit wider. Dabei wurde eine repräsentative Umfrage im Land durchgeführt. Und demnach konstatieren fast 40 Prozent aller Befragten ihrem Leben eine hohe Zufriedenheit, während nur zehn Prozent sie als niedrig einstufen. Österreich liegt damit nach Finnland an zweiter Stelle in der EU (siehe auch Seite 6). Im Schnitt über die gesamte Union sehen etwas weniger als 25 Prozent ihr Leben als sehr zufriedenstellend – und jeder Fünfte ist unzufrieden.

 

Verkehr stieg seit 2000 um ein Drittel

Allerdings werden dieser hohe Wohlstand und die daraus entstandene Lebenszufriedenheit mit hohen Umweltkosten erkauft. So stiegen 2018 zum dritten Mal in Folge die Treibhausgasemissionen in Österreich. Pro Kopf liegt die Republik mit einem Ausstoß von 9,6 Tonnen und Jahr EU-weit an 18. Stelle. Vor allem der Verkehr und der damit verbundene Energieverbrauch steigen konstant an. „Der Verkehr wächst europaweit, und hier spielen auch die geografische Rolle sowie der Tanktourismus eine große Rolle“, sagt Pesendorfer. Allerdings ist die Zunahme in Österreich dennoch deutlich stärker. So stieg der Energieverbrauch des Verkehrs seit dem Jahr 2000 in der gesamten EU um 7,2 Prozent an – hierzulande gab es ein Plus von 34,8 Prozent.

Auf die Frage nach notwendigen Maßnahmen, um das zu ändern, antwortet der Statistik-Chef ausweichend: „Es ist nicht unsere Aufgabe, Empfehlungen abzugeben. Sondern aufzuzeigen, wo es positive und wo es negative Entwicklungen gibt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2019)