Wissenswelten

Erlebnismuseen: Abhängen mit Foxi, der Riesenflughündin

Im Noctalis, dem Fledermausmuseum, überwintern Tausende Fledermäuse in einer Kalkhöhle.
Im Noctalis, dem Fledermausmuseum, überwintern Tausende Fledermäuse in einer Kalkhöhle. (c) Tom Busch

Wenn Wissen als Erlebnis vermittelt wird, können Reisen ganz schön schlau machen. Vier Museen, alle nah am Wasser gebaut, erstaunen mit offenen Weit- und tiefen Einblicken.

Sie zieht sich, vorsichtig, aber doch zielstrebig, das Objektiv ganz nah heran. Wie funkelt das Glas doch so schön, und eine Flughundschnauze ist darin auch zu sehen! Foxi staunt. Mit ihrer Fußkralle zieht sie das interessante Objekt noch näher. Nun schaut die Riesenflughündin direkt in die Linse der Kamera, Auge in Auge mit dem Fotografen.

Erst ein Dattelstück kann sie von der Betrachtung ablenken. „Datteln und Rosinen mag sie am liebsten“, lächelt Annelie Otten, an der Foxi heute abhängt, als das Tier beherzt in der Tasche der Tierpflegerin nach verborgenen Fruchtstücken sucht – natürlich kopfüber, wie alles, was sie tut. Futtern, schlafen, klettern und auch der Geschlechtsakt wird kopfüber durchgeführt. Foxi ist ein zahmer Riesenflughund und logiert im Noctalis, einem der größten Fledermaus-Erlebniszentren Europas in Bad Segeberg im nördlichsten Bundesland Deutschlands.

Hauptstadt der Fledermäuse

Die Stadt der Karl-May-Festspiele zwischen Ost- und Nordsee ist auch Batman-Fans ein Begriff und wird gern als Hauptstadt der Fledermäuse betitelt. Denn im Kalkberg unter dem Freilichttheater hausen mehr als 30.000 Fledermäuse. Damit zählt die nördlichste Karsthöhle Deutschlands zu den größten Fledermaus-Winterquartieren in Europa. Moderne Lichtschrankenmessungen verzeichnen rege Zuwächse: „In Bad Segeberg kommen auf jeden Einwohner zwei Fledermäuse“, schmunzelt Florian Gloza-Rausch, Direktor des Noctalis.

„Derzeit kehren sie zahlreich aus den Sommerquartieren in die Höhle zurück, rund 8000 Wasserfledermäuse, 7000 Fransenfledermäuse und seltene Arten wie das mit 40 Zentimetern Flügelspannweite Große Mausohr, aber auch Bechstein-, Teich-, und Bartfledermäuse.“ Einige reisen von weither an, legen 150 Kilometer zurück. Ab Oktober, wenn die Höhle für menschliche Besucher schließt, herrscht dann Ruhe im zwei Kilometer langen Schlafsaal mit den Tausenden Felsspalten, angenehmer Luftfeuchtigkeit und zehn Grad Kühle. Ab April, wenn sie wieder ausfliegen in die Wälder und an die Seen, kann die Höhle wieder mit einer geführten Tour vom Noctalis aus besucht werden.

Das Erlebniszentrum ist das größte seiner Art in Deutschland. Hier gibt es ganzjährig über einhundert tropische Brillenblattnasen-Fledermäuse zu sehen, aber auch Baumhöhlen, nachgebaute Dachböden mit schlauen Versteckmöglichkeiten, moderne interaktive Bereiche und alte Vampirgeschichten. „Fledermäuse gab es bereits vor mehr als 50 Millionen Jahren“, sagt Florian Gloza-Rausch, der als Diplombiologe für die Fledermausforschung nach Rumänien und Westafrika reist. „Sie sind ein Erfolgsmodell der Evolution.“

Ein weiteres Erlebnismuseum liegt an der Ostsee: das Ozeanum auf der Stralsunder Hafeninsel auf 8700 Quadratmetern. Allein schon die Gebäude, die vom Meer umspülte Steine darstellen sollen, sind den Weg in die Stralsunder Altstadt, Teil eines Unesco-Welterbes, wert. Darin präsentieren fünf Ausstellungen die Ozeane und Meere und Lebenswelten aus der Ostsee, Nordsee und dem Nordatlantik. Vom Tiefseeangler bis zu lebenden Fossilien, von großen Schwärmen bis zu den Giganten der Meere wird der Artenreichtum anschaulich gemacht. Das größte Aquarium fasst 2,6 Millionen Liter Wasser.

Nemo Science Museum in Amsterdam
Nemo Science Museum in AmsterdamTom Busch

Ein Museum wie ein Schiff

Als ebenso starker Hingucker erweist sich auch das Nemo Science Museum in Amsterdam schon von Weitem: Wie ein riesiges Schiff wirkt das von Renzo Piano am Oosterdok entworfene Gebäude. Das ansteigende Dach mit seinen Wasserspielen gilt als beliebter Treff und einer der besten Aussichtspunkte der Stadt. Darauf kann man picknicken, und drinnen geht es um Wissenszuwachs als Abenteuer, werden wissenschaftliche Phänomene auch in Englisch gut erklärt. Man entdeckt Leben im Universum, erzeugt Future Food und schickt als Logistikexperte Pakete rund um die Welt. Es geht um Elemente, Energie, Energetik – und riesige Seifenblasen.

Eine Fahrstunde weiter versetzt das Kinderbuchmuseum in Den Haag auch die Kleinsten in Erstaunen. Das außergewöhnliche Erlebnismuseum ist im Gebäude der Königlichen Bibliothek angesiedelt. Hier soll die Lust am Lesen und auf Literatur geweckt werden – mit kunterbunten Erlebnis- und Mitmachwelten, die direkt in die Bücher führen und durch die Klein und Groß auch wandern können. Ein Frosch, die Hauptfigur der beliebten Kinderbücher von Max Velthuijs, führt durch die gemalte Welt für Kinder ab null Jahren – auf Schatzsuche mit dem Bären, zum Kuchenbacken mit dem Schwein und Schlittschuhlaufen mit der Ente. Ein Thema sind aber auch Gefühle wie Liebe und Glücklichsein.

Foxi sieht auch glücklich aus. Nachdem sie sich eine letzte Rosine in die Schnauze geschoben hat, hängt sie gesättigt an der Tierpflegerin und döst. Sie gehört zu den Indischen Riesenflughunden, die Flügelspannweiten von 1,80 Metern erreichen. Aber Foxi mag Klettern lieber als Fliegen. Sie ist eine 20 Jahre alte Dame; und ihre Flügel hängen schön zusammengefaltet am Rücken. Abhängen mit Foxi – schon allein das ist ein schönes Schau-Erlebnis.

NACHTS IM MUSEUM

Noctalis in Bad Segeberg: Fledermauswelt auf 4 Etagen: Noctarium mit 100 Brillenblattnasen-Fledermäusen, Riesenflughund Foxi, interaktive Spiel- und Lernstationen, April bis September mit Kalkberghöhle. noctalis.de

Ozeaneum in Stralsund: 5 Dauerausstellungen. ozeaneum.de

NEMO in Amsterdam. Das Science Museum erklärt die Welt. nemosciencemuseum.nl

Kinderboekenmuseum in Den Haag: denhaag.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2019)