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Der Duft von Rom

Wie duftet Rom? Nach Ambra und Leder, meint Ludovica Di Loreto.
Wie duftet Rom? Nach Ambra und Leder, meint Ludovica Di Loreto.Christina Höfferer

In Rom unterwegs mit der Parfum-Designerin Ludovica Di Loreto, die an einem Duft der Ewigen Stadt arbeitet. Die Geruchsmagierin und geborene Römerin entpuppt sich als kenntnisreiche Führerin durch die Stadt am Tiber.

Das Aroma von Rom besteht für Ludovica Di Loreto vor allem aus Ambra, einer grauen, wachsartigen Substanz, gewonnen aus dem Verdauungstrakt von Pottwalen. Heute wird Ambra nur noch in wenigen teuren Parfüms verwendet. „Ambra ist wie eine Umarmung, aber der Duft von Rom braucht auch einen Hauch von Leder, denn Rom ist stark“, sagt die Parfum-Designerin. Schwarz lackierte Fingernägel, weiße Bluse, langes, glattes, schwarz glänzendes Haar, große dunkle, hypnotische Augen mit endlosen Wimpern: Ludovica Di Loreto verkörpert die ganz spezielle, unkomplizierte römische Eleganz. „Rom ist keine einfache Stadt, mein Parfum vermittelt das, und es hat auch eine lebhafte Note, denn Rom schläft nie.“

Im Coppedè-Viertel

Ihr Papa bringt Ludovica Di Loreto mit der Vespa zum vereinbarten Treffpunkt, dem Restaurant Lounge Bar Amelie an der Piazza Verbano (Piazza Verbano, 17, 00199 Roma, +39/06/8397 7983). Ludovica liebt diesen Ort: „Diese Gegend ist sehr zentral, aber auch ruhig, sie ist nahe an der Villa Ada, dem zweitgrößten öffentlichen Park der Stadt. Hier sind Mütter mit Kinderwägen unterwegs, und Leute, die arbeiten, hier ist Rom überhaupt nicht chaotisch, eher so wie ein kleines Dorf.“

Die Römerin liebt es, die Stadt zu Fuß zu erleben, nach Cappuccino und Cornetto in der Bar Amelie schlägt sie einen Spaziergang durch das nahe gelegene Coppedè-Viertel vor. Putti und Girlanden – und vor allem auch eine Vielzahl von verschiedenen Tieren, Schnecken, Frösche, Bienen, Pferde, Eidechsen, Löwen und Adler – sind auf den Häusern im Coppedè-Viertel rund um die Piazza Mincio zu sehen. Ein verzaubertes, verwunschenes Feenland sind die Straßen rund um die Piazza. In der Mitte der Piazza Mincio befindet sich der Fröschebrunnen. Das Coppedè-Viertel fasziniert. Kleine Gruppen von Besuchern finden sich laufend hier ein, um die Feenvillen, den Spinnenpalast und den Fröschebrunnen zu bestaunen.

Liebespaare lassen sich von der expressiven Romantik der Straßenzüge in Stimmung bringen, und in den Pausen füllen die Schüler des naturwissenschaftlichen Gymnasiums in der Via Brenta den Platz und die Straßen. Im Sommer, wenn die Prüfungen vorbei sind, springen sie zum Feiern in den Fröschebrunnen.

„Ich bin überall in Rom unterwegs, ich liebe Rom, auch wenn die Stadt jetzt ein bisschen vernachlässigt wirkt, sehr schmutzig, aber das hat aber vor allem mit uns Bürgern zu tun. Wir könnten alle besser leben, es brauchte nur ganz wenig, ich zum Beispiel glaube an die Mülltrennung.“ Die Touristen kämen auf jeden Fall nach Rom, ob der Müll überquelle oder nicht, sagt Ludovica Di Loreto, „aber wir müssen uns mehr darum kümmern, wie wir die Stadt behandeln. Deshalb fühle ich mich in London so wohl, ich folge sehr gern den Regeln. Aber in Rom ist es nie langweilig, wir leben zwar in einem Chaos, aber es findet doch jeder seinen Platz darin.“

1000 Jahre Geschichte

Das zentrale gemeinschaftliche Event in Ludovica Di Loretos römischem Lifestyle ist der Aperitivo. „Beim Aperitivo reden wir über alles, was gerade passiert. Im Moment sind Lokale mit vielen Pflanzen und Industrial Design angesagt, das Ristorante Madre am Largo Angelicum oder das Sanctuary am Colle Oppio, oder die Kiko Sushi Bar. Aber der Sonntag ist Pizza-Tag. Mit meinem Freund gehe ich in die Bottega Punturi an der Via Flavia.“

Ludovica Di Loreto wohnt an der Piazza Bologna, hier wurde sie 1989 geboren, hier wuchs sie auf und besuchte das Gymnasium Virgilio. „Das ist meine Herzensgegend, mit meiner Schule. Meine Mama brachte mich immer in die Villa Torlonia zum Spielen, hier ist die Villa Massimo, und hier war immer ein Herr, der gebratene Maroni verkaufte. Viele kleine Geschäfte haben zugesperrt, jetzt sind hier vor allem Bars und Restaurants. Das ist in Ordnung für für mich, denn ich halte alle, die etwas unternehmen, für bewundernswert, weil es wirklich nicht leicht ist.“

Studiert hat Ludovica Di Loreto Mode- und Kostümwissenschaft an der prestigeträchtigen Universität La Sapienza. „Ich hätte auf keine andere Uni gehen können, denn wenn du an der Sapienza dein Studium abschließt, dann hast du gelernt, dich durchzuschlagen. Nur motivierte Leute gehen auf die Sapienza.“

Die Universität mit ihren über tausend Jahren Geschichte steht nach wie vor für höchste Qualität. Di Loreto wurde von ihrer Professoressa Fiorenzi inspiriert: „Sie ist sehr lieb, aber auch sehr kategorisch, ich habe sie für meine Diplomarbeit ausgewählt. Sie war sehr streng, wollte gleich das erste Kapitel und die Seitenzahl. Und Deadlines nahm sie sehr genau.“ Um Modegeschichte ging es in der Arbeit, die Firmensaga von Gucci war ihr Thema.

Dann kam London. „Ich habe mich sofort verliebt in London, es ist eine enorm große Metropole, aber gut organisiert, alle gehen auf dem Gehsteig, respektieren die Regeln. Piccadilly und Carnaby Street haben mir besonders gefallen.“ In der Carnaby Street fand Ludovica Di Loreto ihre erste Beschäftigung, in einem Geschäft für Fußballzubehör. Hier lernte sie schnell, gut Englisch zu sprechen, allein zu leben, Rechnungen und Miete zu bezahlen. „Ich wollte immer etwas Eigenes machen, meine Gedanken zum Ausdruck bringen, und so kam ich auf Parfum.“

Die Kartons, in welchen sie ihre Flakons verpackt, werden in Neapel hergestellt, die Verschlüsse sind aus Travertin und werden in der Nähe von Rom in Handarbeit einzeln gefertigt (www.ludovicadiloreto.com). Alles an den Parfums von Di Loreto ist Handarbeit. Das macht den Unterschied. In Dubai, in Kalifornien, in China und in Polen werden die Düfte aus Rom bereits verkauft. Die erste Duftnote war „Lú by Ludovica Di Loreto“, dann kamen die Parfums „Donna“ und „Uomo“, „Lei“ e „Lui“. „Danach wollte ich mehr Rom in meinen Parfums herausbringen,“ sagt Ludovica Di Loreto.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2019)