Gastkommentar

Push und Pull waren gestern

Das bald 50 Jahre alte Modell der Push- und Pull-Faktoren in Fragen der Migration ist heillos überaltert.

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Das aus den 1960er-Jahren stammende Modell der Push- und Pull-Faktoren, mit dem noch immer in der breiten Öffentlichkeit wie auch von der Politik selbst das Phänomen Migration erklärt wird, ist viel zu schematisch und seit rund 30 Jahren schlichtweg überholt. Ob sich Menschen entschließen zu migrieren hängt eben nicht allein davon ab, ob sie aus einem ursprünglichen Gebiet „weggedrückt“ werden („push“) und/oder von einem anderen Gebiet „angezogen“ („pull“) werden. Die Theorie basiert auf dem Prinzip des „ökonomischen Rationalismus“ und ist wohl genauso praxistauglich wie das Konzept vom „Homo oeconomicus“, eines ausschließlich von Erwägungen der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit geleiteten Menschen.

Stattdessen muss man nach den konkreten und jeweiligen Hintergründen und Begleitumständen von Migration in den einzelnen Staaten fragen. Aktuelle Untersuchungen zeigen jedenfalls, dass Netzwerke entscheidend für Wanderungsbewegungen sind. Migranten, die es nach Europa schaffen, berichten ihren Freunden und Bekannten über ihre konkreten Lebensumstände. Diese Berichte schaffen erst den Anreiz, nachzufolgen. So ein Verhalten mag menschlich logisch und nachvollziehbar sein, eine ökonomisch rationale Entscheidung stellt es aber noch lang nicht dar. Warum Entscheidungsträger trotzdem so gern von Push- und Pull-Faktoren sprechen? Diese suggerieren eine Art Konstante, und damit verleiten sie zur irrigen Annahme, man könnte berechnen und prognostizieren, welcher Effekt welche Anziehungskraft ausüben wird.

 

Irrige Annahme

Aus diesen statischen Überlegungen resultiert dann etwa auch der allzeit verwendete und akzeptierte Satz, wonach man Migrationsursachen „vor Ort“ bekämpfen müsse. Dahinter steckt die irrige Annahme, man müsse bloß die jeweilige Wirtschaftslage ein bisschen verbessern, und schon wären Menschen zufrieden und würden keinerlei Veranlassung sehen, ihre Heimat zu verlassen.

Entgegen landläufiger Meinung wird Europa aber nicht von den Armen dieser Welt überrannt. Denn für eine Migration sind finanzielle Mittel nötig, über welche die meisten Menschen in den wenig entwickelten Ländern kaum verfügen. Nach der „Migration hump“-Theorie werden Wanderungen über größere Distanzen erst dann wahrscheinlich, wenn das jährliche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf etwa 2000 US-Dollar steigt. Bei 7000 bis 13.000 Dollar pro Kopf erreichen sie dann ihren Höhepunkt. Ein aktueller Forschungsbericht für das Bonner Institut für die Zukunft der Arbeit (IZA) zeigt die Sprengkraft hinter diesen Zahlen: Länder mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen zwischen 5000 und 10.000 Dollar haben eine dreimal höhere Auswandererzahl als Länder mit 2000 Dollar Einkommen.

 

Lässt sich Migration bremsen?

All das bedeutet aber auch, dass sich Migration durch Entwicklung eben nicht bremsen lässt. Im Gegenteil fördert Entwicklungszusammenarbeit die Wanderungsbereitschaft. So wichtig und richtig es auch sein mag, „Fluchtursachen vor Ort“ zu bekämpfen und die Lebensumstände in den betreffenden Ländern zu verbessern, stellt sich auch die Frage, wie man in Europa mit dieser Herausforderung umgeht. Immerhin denken bereits jetzt – nach einer aktuellen Untersuchung des panafrikanischen Forschungsnetzwerks Afrobarometer – fast 40 Prozent der Afrikaner ans Auswandern. Mehr als ein Viertel (27 Prozent) geben gar Europa als Wunschziel an. Europa steht damit – ob es will oder nicht – vor großen Herausforderungen. Höchste Zeit, aufzuwachen.

Stefan Brocza (* 1967) ist Experte für Europarecht und int. Beziehungen.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2019)