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Biophilic Design

Architektur: Mit Pflanzen, Licht und Luft zurück zur Natur

Mehr Licht, Luft, Pflanzen: Architekten, Stadt- und Büroplaner arbeiten daran. Etwa das Büro Boeri mit dem "Bosco Verticale" in Mailand.
Mehr Licht, Luft, Pflanzen: Architekten, Stadt- und Büroplaner arbeiten daran. Etwa das Büro Boeri mit dem "Bosco Verticale" in Mailand.(c) Getty Images

Natürliche Materialien, organische Formen, Tageslichtverläufe und Luftbefeuchter sowie jede Menge Pflanzen und die Verbindung zur Natur sorgen für ganzheitliches Wohlbefinden.

Biophilic Design heißt das neueste Schlagwort, wenn es um die Gestaltung von Räumen und Gebäuden geht. Womit weniger eine reine Optik, Formen- oder Farbensprache gemeint ist, als vielmehr ein Gesamtkonzept des Wohlbefindens, das durch eine möglichst enge Verbindung mit der Natur erzeugt wird. Dazu gehören Materialien wie Holz genauso wie viele Pflanzen, die nicht nur für Wohlgefühl beim Ansehen sorgen, sondern auch in Sachen Luftqualität. Außerdem wird im Biophilic Design das Licht besonders berücksichtigt, dessen Blauanteile jenen des Tageslichts nachempfunden werden. Stehen Nachhaltigkeitsaspekte im Mittelpunkt, spielen Außenflächen wie auch stadtplanerische Elemente eine große Rolle.

Einem Großteil der heute gebauten Umgebungen mangelt es an natürlichem Licht, natürlicher Ventilation, Vegetation, Ausblicken und organischen Formen

Stephen R. Kellert, Yale-Professor

Geprägt hat den Begriff eine Definition des US-amerikanischen Biologen und Autors E. O. Wilson, der die Hypothese aufgestellt hat, dass Menschen ein ererbtes Bedürfnis danach haben, sich mit der Natur zu verbinden – weil wir evolutionär sowohl für unser Überleben als auch unsere persönliche Erfüllung von ihr abhängig sind. Weniger bekannt ist allerdings, dass Wilson den Terminus keinesfalls erfunden hat, sondern sich dabei auf einen Zeitgenossen bezog, der den Begriff zunächst auf Deutsch definiert hatte: „Der Begriff Biophilie stammt eigentlich von Erich Fromm, der mit diesem in den 1960er-Jahren die Hinwendung zum Leben und allem Lebendigen beschrieben hat“, weiß Innovations- und Strategieberater Thomas Fundneider, Geschäftsführer von The Living Core.

 

Irrelevante Spielereien

Zu den architektonischen Pionieren auf dem Gebiet der Biophilie gehörte der 2016 verstorbene Yale-Professor Stephen R. Kellert. In seinem Buch „Biophilic Design“ erklärt er wortreich, was sich darunter verstehen lässt — und vor allem, was eben nicht. „Einfach gesagt fokussiert sich Biophilic Design auf jene Aspekte der Natur, die zur menschlichen Gesundheit und ihrem Überlebenskampf beitragen“, betont er. Daher seien auch Spielereien wie Wüstenszenarien oder Unterwasserhabitate irrelevant in diesem Zusammenhang. Vielmehr gehe es darum, ein ganzheitliches Setting zu schaffen, in dem sich jene Elemente wiederfinden, die während der Entfremdung von der Natur verlorengegangen sind. „Einem Großteil der heute gebauten Umgebungen mangelt es an natürlichem Licht, natürlicher Ventilation, Vegetation, Ausblicken und organischen Formen“, so der Wissenschaftler, „und wir beginnen gerade erst herauszufinden, wie sehr diese Habitate Erschöpfung, Krankheitssymptome und Produktivitätsverluste erzeugen.“

Bei den Millennials zeigen Studien, dass die Attraktivität des Arbeitsplatzes heute das wichtigste Kriterium bei der Entscheidung für einen Job ist

Manuel Winter, Gründer von Oxygen at Work

Heute wird das Konzept des Biophilic Designs in der Architektur wie im Interior mit wachsender Begeisterung umgesetzt, Vorreiter sind dabei in Österreich derzeit noch große Unternehmen, die in die Qualität von Arbeitsplätzen investieren. Und das zumindest nicht nur aus reiner Liebe zum Leben und allem Lebendigen, sondern auch, weil immer mehr Studien belegen, dass derartige Arbeitsumgebungen handfeste Auswirkungen auf die Leistung der Mitarbeiter haben. So hat CBRE in Kooperation mit der Universität Twente in einer Studie mit dem Namen „Der Schneeball-Effekt von gesunden Büros“ herausgefunden, dass mehr Pflanzen am Arbeitsplatz die Leistung um zehn Prozent steigern, Tageslichtsimulationen sogar um zwölf Prozent. Und die Bedeutung dieser Faktoren dürfte sich in Zukunft weiter erhöhen: „Bei den Millennials zeigen Studien, dass die Attraktivität des Arbeitsplatzes heute das wichtigste Kriterium bei der Entscheidung für einen Job ist“, berichtet Manuel Winter, Gründer und CEO von Oxygen at Work. Und auch Gartenarchitekt Clemens Lutz weiß, dass seine Arbeiten für heimische Unternehmen ganz handfeste Resultate im Kampf um die besten Köpfe bringen: „Wenn heute in der einen Stellenausschreibung steht, dass dort auch im schattigen Innenhof gearbeitet werden kann, und in einer anderen 100 Euro mehr für Arbeit in einem tristen Büro geboten werden, geht der Trend sicher dahin, dass sich die Bewerber für den Innenhof entscheiden“, weiß er.

 

Klimaneutral statt schön bunt

Neu ist die Erkenntnis, dass sich mit schönen Arbeitsplätzen gute Mitarbeiter gewinnen und halten lassen, nicht. Daran haben spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends erfolgreiche Arbeitgeber von Google bis Facebook mit bunten Welten voller Rutschen, Wuzzlern und Themenräumen gearbeitet. Die Veränderung, die jetzt spürbar wird, lautet weg von „alles so schön bunt hier“ hin zum Wunsch nach nachhaltigen, klimaneutralen Umgebungen, in denen eher rohe Holzelemente, haptische Erlebnisse, als polierte Farboberflächen vorkommen. Neben dem sich ändernden Zeitgeist tragen aber auch die immer besseren technischen Möglichkeiten dazu bei. „Da sind beispielsweise bei der Lichtqualität große Fortschritte gemacht worden“, berichtet Fundneider, „es werden jetzt in immer mehr Projekten Tageslichtverläufe implementiert, die dem menschlichen Rhythmus angepasst sind.“

Oxygen at Work integriert biophilic design an diversen Arbeitsplätzen.
Oxygen at Work integriert biophilic design an diversen Arbeitsplätzen.Oxygen at work

Auch das „zutiefst menschliche Bedürfnis, im Grünen zu sein“, wie es Fundneider formuliert, lässt sich inzwischen immer leichter professionell realisieren. Zu den Vorreitern gehört dabei das Schweizer Unternehmen Oxygen at Work, das gerade auch begonnen hat den österreichischen Markt zu bedienen. Manuel Winter hat mit seiner Firmengründung 2017 begonnen die Themen Pflanzen und Technologie in Büros zu kombinieren — und war anfangs selbst von der großen Nachfrage überrascht. „Entstanden ist die Idee aus der eigenen Unzufriedenheit an unseren vorigen Arbeitsplätzen“, berichtet er. „Dann haben wir ein Konzept entwickelt, zehn große Unternehmen der Schweiz angeschrieben — und sind sofort von drei Unternehmen eingeladen worden.“ Die von Winters Dienstleistung, der Kombination aus Aufstellen von Grünpflanzen und Auswerten von an den Arbeitsplätzen angebrachten Sensoren, umgehend angetan waren. Denn neben den positiven Auswirkungen auf die Mitarbeiter — von denen zwei Drittel in allen Umfragen angeben, dass sie durch die grüne Umgebung weniger Stress empfinden, und 84 Prozent der Meinung sind, dass sich die Atmosphäre verbessert habe — wirken sich die biophilen Akzente auch in konkreten Zahlen aus. „Oft geht es dabei um die Senkung des Energieverbrauchs“, so Winter. „In einem von uns betreuten Projekt konnte der Energieverbrauch um 84 Prozent reduziert werden.“ Was damit zu tun habe, dass durch die bessere Luftqualität der begrünten Räume deutlich weniger Energie in die Lüftungsanlage investiert werden musste.

Evaluierungsfaktoren wie ein höheres Wohlbefinden passen nun einmal nicht in eine Excel-Liste

Clemens Lutz, Gartenarchitekt

Was Auswirkungen auf die CO2-Bilanz hat, die immer mehr Entscheidungsträger im Auge haben: „In der Schweiz, in der Unternehmen ihre Klimaziele erreichen müssen, ist das zusätzlich ein wichtiges Argument.“

 

Licht, Luft und Orientierung

Die Bedeutung derartiger Argumente kennt auch Clemens Lutz, der in Wien an der Begrünung nicht nurvon Büros mitwirkt – allerdings weißer genauso gut, dass die Liebe zu allem Lebendigen sich schnell da erschöpft, wo sie Geld kostet. „Evaluierungsfaktoren wie ein höheres Wohlbefinden passen nun einmal nicht in eine Excel-Liste“, lacht der Gartenarchitekt. Allerdings steige die Nachfrage trotzdem kontinuierlich, und auch die Möglichkeiten werden immer größer. So gibt es neben den klassischen Kübelpflanzen „rollbare Pflanzenwände, die ich als flexible Raumteiler verwenden kann und dafür lediglich einen Stromanschluss brauche – dann pumpt sich das Wasser aus dem Behältnis selbst darüber“, berichtet er.

Außerdem können mit LED-Lösungen die richtigen Lichtverhältnisse für Pflanzen ebenso wie für Angestellte immer leichter erzeugt werden. Und wenn Unternehmen bereit sind, sich darauf einzulassen, können biophile Konzepte Orientierung geben, wie Lutz berichtet: „Das haben wir einmal in einem sechsstöckigen Gebäude in Singapur umgesetzt. Da hat man sich, je nachdem, in welchem Stockwerk man aus dem Lift gestiegen ist, in einer anderen natürlichen Umgebung befunden. Vom Aquarium ganz unten über ein Terrarium in der ersten Etage bis zu Schmetterlingen ganz oben“, berichtet er. Solche Maßnahmen würden in den Bürogebäuden wieder ein Gefühl dafür vermitteln, wo man ist – und allein damit zur Orientierung beitragen.

Und das definitiv nicht nur in Singapur, in Wien gäbe es ebenfalls jede Menge Möglichkeiten, das Konzept der Biophilie stärker einzubringen: „Es gibt beispielsweise so viele Abschneider durch alte Höfe, da müsste man nur das Tor aufmachen und sie vielleicht ein bisschen begrünen – und könnte damit so viel herausholen“, nennt er ein Beispiel. Andere sind Fassadenbegrünungen, die ebenfalls zum Biophilic Design gehören. Weil sie eben aus der Liebe zum Leben und allem Lebendigen entstehen.

Work-Feel-Balance

Elemente des Biophilic Design:

Laut Stephen R. Kellert gehören folgende Elemente zum Biophilic Design:

Licht, Luft, Wasser, Pflanzen, Tiere, natürliche Landschaften und Ökosysteme, Bilder mit Naturmotiven, natürliche Materialien und Pflanzen, Mobilität und Orientierung, eine kulturelle und ökologische Verbundenheit mit dem Ort, die Simulation natürlichen Lichts und der Luft, organische Formen, natürliche Geometrien, die Wiederbelebung von Natur, Vielfalt, eine Patina durch Alterungs- und Veränderungsprozesse sowie Bionik. Das alles sollte Einzug in unseren Arbeitsalltag nehmen – für mehr Produktivität und Zufriedenheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2019)