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Meeresbiologie

Wo die Korallen aus dem Wasser schauen

Die Tirolerin Verena Schöpf forschte in den USA und Australien. Sie zeigt, dass auch extremste Korallen im Klimawandel leiden.

Schon als Kind wollte Verena Schöpf Meeresbiologin werden. Die Dokumentarfilme von Hans Hass waren ihre Lieblingssendungen, und nach dem Schulabschluss studierte sie in Innsbruck Biologie. „Da in Tirol aber die Kurse für Meeresbiologie sehr begrenzt waren, bin ich für den Master an die Uni Wien gegangen, wo es eine lange Tradition der Meeresbiologie gibt“, erzählt Schöpf.

In der Diplomarbeit bei dem Paläontologen Martin Zuschin konnte Schöpf ihre Begeisterung für Korallenriffe vertiefen und forschte zu Schnecken im Roten Meer, die Korallen fressen. Für ihre Dissertation ging die Tirolerin dann in die USA, an die Ohio State University in Columbus, wo sie einerseits Korallen im Aquarium für Experimente nutzte und andererseits ihre Feldforschung an karibischen Stränden von Mexiko durchführen konnte.

„Dort habe ich die Auswirkungen des Klimawandels auf Korallen untersucht“, sagt Schöpf. Und das tut sie bis heute. Nach vier Jahren in Amerika zog sie 2013 nach Australien, wo sie an der University of Western Australia in Perth endlich in einer Stadt mit Meerzugang landete. Die Strände von Perth waren für Schöpf aber eher ein Ort für Freizeitbeschäftigungen: „Ich habe sogar mit Kite-Surfen begonnen.“ Für die Forschung musste sie wieder über 2000 Kilometer weit reisen, um ganz besondere Korallenriffe in der Kimberley-Region im Nordwesten Australiens zu untersuchen.

 

Aus Kalk bauen sie ein Skelett

„Bereits während der Dissertation in den USA habe ich geochemische Methoden verwendet, um das Skelett der Korallen zu erforschen, und diese konnte ich in Australien vertiefen“, erzählt sie. Die Geochemie beschäftigt sich mit der Verteilung von chemischen Stoffen auf der Erde. Für Biologen ist interessant, wie Korallen ihr Skelett aus einem Mineral, meist Kalk, bilden, und dabei geochemische Prozesse mit biologischen Funktionen kontrollieren. „Das ist vor allem in Anbetracht der Tatsache spannend, dass die Meere durch den Klimawandel zunehmend versauern, und sich Korallen immer schwerer tun, ihre Kalkskelette zu bauen.“

Zudem sind Korallen auch spannend, weil ihr Skelett ähnlich wie Bäume Jahresringe aufweist, sodass man mit ihnen die Umweltbedingungen der Vergangenheit rekonstruieren kann, wie etwa die Meerestemperatur und den pH-Wert des Wassers in den vergangenen hundert Jahren.

Die Riffe in der Kimberley-Region sind so einzigartig, weil es dort an der Küste die stärksten Gezeiten der Tropen gibt: Etwa zehn Meter Wassertiefe liegen zwischen Ebbe und Flut. „Trotzdem gibt es Korallenriffe im seichten Bereich: Die schauen täglich für mehrere Stunden aus dem Wasser heraus und sind extremen Temperaturschwankungen ausgesetzt“, erzählt Schöpf. Sie wollte wissen, ob die Korallen, die arge Schwankungen gewöhnt sind, besser mit Veränderungen des Klimas umgehen können. In den Aquarien in Perth setzte Schöpf die kleinen Nesseltiere verschiedenen Zukunftsszenarien mit höherer Wassertemperatur aus.

 

„Superkorallen“ in Australien

„Die Arten sind zwar resistenter gegen Umweltschwankungen, aber auch nicht unbegrenzt.“ Bei Dauerbelastung gehen auch diese „Superkorallen“ ein. Dies ist für Naturschützer, die bedrohte Riffe durch Einbringung extrem stabiler Arten zu retten versuchen, keine gute Nachricht.

Sechs Jahre war Schöpf in dem Exzellenzzentrum für Korallenriff-Forschung in Perth zuerst als PostDoc, dann als Gruppenleiterin tätig. Jetzt, im November, hat sie eine Stelle als Assistenzprofessorin an der Universität von Amsterdam begonnen. „In Australien wurde die Finanzierung des Forschungszentrums eingestellt, was im Angesicht der großen Probleme des Great Barrier Riffs und anderer Korallengebiete überraschend ist.“

Im Universitätssystem der USA und in Australien hat Schöpf jedenfalls viel Positives erlebt. „Junge Studenten können schon früh im Labor und in der Forschung mitarbeiten. Während ich selbst erst bei der Diplomarbeit richtig geforscht habe, können Bachelorstudenten in den USA früh wissenschaftliche Erfahrung sammeln: So sehen sie, welche Fachrichtung ihnen taugt und ob sie für die Forschung überhaupt geeignet sind.“

Bei der Bewerbung um Master- und PhD-Stellen nützt es den Studierenden, wenn sie auf Publikationen der großen Labors als Co-Autor aufscheinen. Und ein Doktorand oder Postdoc profitiert von den jungen und günstigen Arbeitskräften, da er seine Forschung effizienter vorantreiben kann.

„Negativ empfunden habe ich eher, dass sogar das Doktoratsstudium sehr schulisch angelegt ist, ich musste ständig Hausübungen und Tests machen“, erinnert sich Schöpf. „Und die Studien sind sehr teure Angelegenheiten in den USA und Australien.“ Entweder ist es ein Luxus, sich das zu leisten, oder man steht nach der Uni mit einem Schuldenberg da. „Da wird einem erst bewusst, was wir in Österreich für ein Glück haben, dass die Möglichkeiten allen offenstehen“, sagt die Meeresbiologin.

ZUR PERSON

Verena Schöpf wurde 1983 in Innsbruck geboren, studierte dort Biologie und ging für das Masterstudium an die Uni Wien (Meeresbiologie). Den PhD absolvierte sie an der Ohio State University in den USA, wo sie die Geochemie und Biologie von Korallenriffen erforschte. An der University of Western Australia in Perth fokussierte sie sich auf „Superkorallen“, die extreme Umweltbedingungen aushalten. In der neuen Stelle an der Universität von Amsterdam wird sie weiterhin Superkorallen und auch Korallen in der Karibik erforschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2019)