Anthropologie

Die vielfältigen Vorfahren der Gründer Roms

Forscher aus Wien, Rom und Stanford haben die DNA von Menschen untersucht, die zwischen der Steinzeit und dem Mittelalter in der Region der Ewigen Stadt lebten. Ihre Abstammung ist vielfältiger als gedacht.

Historisch und archäologisch betrachtet gehört Rom mit Sicherheit zu den bestuntersuchten Orten der Welt. Dennoch birgt die Stadt am Tiber nach wie vor einige Geheimnisse für die Wissenschaft: Über die genetische Herkunft der Römer war bisher beispielsweise relativ wenig bekannt.

Ein Forscherteam um den Genetiker Jonathan Pritchard von der US-amerikanischen Stanford University und die Anthropologen Alfredo Coppa von der Universität La Sapienza in Rom und Ron Pinhasi von der Universität Wien konnte diese Lücke nun schließen. Durch genetische Analysen von Skeletten archäologischer Fundstätten zeigten die Wissenschaftler, dass die Region um die Ewige Stadt lang vor ihrer Ausdehnung zum Weltreich Migranten anzog und schon bei ihrer Gründung aus Bewohnern mit unterschiedlichsten Herkünften bestand. Ihre Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Science(7. 11.)veröffentlicht.

„Dass wir auf so eine große genetische Vielfalt bereits zur Zeit der Entstehung Roms stoßen würden, hatten wir nicht erwartet“, betont Pinhasi. „Die untersuchten Individuen hatten Vorfahren in Nordafrika, dem Nahen Osten und dem europäischen Mittelmeerraum.“

 

Mehrere Migrationswellen

Die Migrationsgeschichte der Region um Rom geht laut den Forschern jedoch viel weiter zurück. Zur genauen Bestimmung der genetischen Abstammung der Römer sammelten die Wissenschaftler Proben, die eine Zeitspanne von der Steinzeit bis ins Mittelalter umfassten.

Eine Analyse der ältesten Proben zeigte ein ähnliches Bild wie im restlichen Europa: Vor ungefähr 8000 Jahren gab es einen Zustrom von Bauern, die hauptsächlich von frühgeschichtlichen, landwirtschaftlich tätigen Bevölkerungsgruppen in der heutigen Türkei und dem Iran abstammten. Ihnen folgten Menschen, die vor ungefähr 5000 bis 3000 Jahren aus der ukrainischen Steppe einwanderten. Zur Zeit der Entstehung Roms, das der Sage nach im Jahr 753 vor Christus von Romulus gegründet wurde, war die Bevölkerung bereits genetisch breit aufgestellt und ähnelte modernen Völkern Europas und des Mittelmeerraums.

„Die Daten aus uralter DNA bieten eine neue Informationsquelle, die sich sehr gut mit der Sozialgeschichte der Bewohner Roms in unterschiedlichen Epochen in Einklang bringen lässt“, so Pinhasi. „Wir können nun Aussagen darüber treffen, wer zur Elite oder zu ärmeren sozialen Schichten gehörte, sowie familiäre Verbindungen zwischen Individuen nachweisen, die in Gemeinschaftsgräbern bestattet wurden.“

 

Neue Gene aus Nordeuropa

Während der späten Antike und nach dem Zerfall des römischen Reichs waren die Jahrhunderte von Unruhen geprägt. Die Bevölkerung wurde durch Epidemien, Invasionen und Plünderungen – etwa durch die Visigothen im Jahr 410 – von über einer Millionen auf weniger als 100.000 Menschen dezimiert. Auch diese Ereignisse hinterließen genetische Spuren: Die Abstammung der römischen Bevölkerung verlagerte sich vom primär östlichen Mittelmeerraum hin zu Westeuropa. Der Aufstieg und die Herrschaft des Heiligen Römischen Reichs führten schließlich zu einem Zustrom von Menschen, die Vorfahren aus Mittel- und Nordeuropa hatten. Darunter Lombarden aus dem heutigen Ungarn, Sachsen aus England und Wikinger aus Schweden. (däu)

IN ZAHLEN

127 Skeletten aus 29 Fundstätten in und um Rom entnahmen die Wissenschaftler DNA und untersuchten sie für ihre Studie.

12.000 Jahre deckten sie mit ihrer genetischen Untersuchung ab, eine Zeitspanne von der Steinzeit bis ins Mittelalter.

70 Millionen Menschen lebten während seiner Blütezeit im Römischen Reich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2019)