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Smart Cities

Städte der Zukunft

Rendering des Grazer Stadtentwicklungsgebiets, auf dem das Konzept der Smart City verwirklicht werden soll.
Rendering des Grazer Stadtentwicklungsgebiets, auf dem das Konzept der Smart City verwirklicht werden soll.Free Dimensions

Mit dem Einsatz nachhaltiger Technologien stellen sich Wien, Graz und andere Städte den Herausforderungen von Klimawandel und Bevölkerungsexplosion.

Österreichs Städte werden „smart“: Technische Innovationen, zukunftsweisende Energie- und Mobilitätskonzepte sowie begleitende soziale Maßnahmen sollen dazu beitragen, die heimischen Metropolen nachhaltiger zu machen. Damit will man den Herausforderungen Klimawandel und Bevölkerungszuwachs begegnen. Das Schlagwort „Smart City“ vereint all diese Initiativen, die einzelnen Ansätze sind allerdings höchst unterschiedlich.

Der Lebensraum Stadt ist ein wesentlicher Faktor beim Klimaschutz

Theresia Vogel, Klima- und Energiefonds

In Graz haben die Stadtplaner das Glück, ein 8,2 Hektar großes ehemaliges Industrie- und Gewerbegebiet westlich des Hauptbahnhofs völlig neu entwickeln und dort ihre Vision der „intelligenten“ Stadt umsetzen zu können. „Für uns war dieses 2012 gestartete Vorhaben das erste große Leitprojekt“, sagt Theresia Vogel, Geschäftsführerin des Klima- und Energiefonds, der das Grazer Modell finanziell unterstützt. Österreichweit hat der Fonds bisher mehr als 100 Smart-City-Maßnahmen in 41 Gemeinden beziehungsweise Regionen mit insgesamt rund 45 Millionen Euro gefördert. „Der Lebensraum Stadt, in dem derzeit bereits 50 Prozent der Bevölkerung leben – Tendenz steigend –, ist ein wesentlicher Faktor in der Energiewende und damit beim Klimaschutz“, begründet Vogel das Engagement. „Wir unterstützen die Kommunen auf dem Weg zur Zero-Emission-City.“

 

Wahrzeichen Science Tower

Ein emissionsarmer Stadtteil, ressourcenschonend und energieeffizient – das ist auch das Ziel, das sich jene Bauträger und Investoren gesetzt haben, die unter Federführung der Stadt Graz die Industriebrache beim Grazer Bahnhof entwickeln. Innerhalb von zwei Jahren sollen mit einer Gesamtinvestition von 350 Millionen Euro Wohnungen für rund 3000 Menschen sowie Büros, Gewerbeflächen, Kommunaleinrichtungen und Verkehrsinfrastruktur stehen. Ein Quartier wurde bereits bezogen, Mitte Oktober die neue Schule eröffnet. Als Erstes war vor zwei Jahren jedoch jenes Gebäude fertiggestellt worden, das die Zielsetzung am besten verkörpert und als weithin sichtbares Wahrzeichen des neuen Stadtteils gilt: der 60 Meter hohe Science Tower. Innen forschen Wissenschaftler zum Thema grüne Technologien, außen befindet sich eine Hülle aus speziellem Glas, das nach dem Vorbild der Fotosynthese Sonnenlicht in elektrische Energie umwandelt. Und oben, auf dem Dach, werden Lebensmittel angebaut, wobei das Grün gleichzeitig zur Kühlung beiträgt. Fotovoltaik-Anlagen auf zahlreichen anderen Gebäuden – allen voran auf dem Veranstaltungszentrum Helmut-List-Halle – sowie die Nutzung von Geothermie und der industriellen Abwärme des nahen Stahlwerks Marienhütte tragen ebenfalls zur klimaschonenden Energiegewinnung bei.

 

Vorbildwirkung zentral

Eine Verringerung des CO2-Ausstoßes soll das Prinzip der kurzen Erreichbarkeit gewährleisten: Alle wichtigen Einrichtungen sind für die Bewohner zu Fuß erreichbar, das soll den Individualverkehr innerhalb des Viertels überflüssig machen. Und wer doch einen Pkw benötigt, dem stehen Carsharing-Elektroautos zur Verfügung. Die Stadt lässt derzeit zudem eine Straßenbahnlinie durch die Smart City bauen. „Alle Projekte sollen Vorbildwirkung für die Umsetzung auch in anderen Teilen der Stadt haben“, sagt Carina Lindvai-Soos vom Büro des Grazer Bürgermeisters, Siegfried Nagl. „Das Prinzip der kurzen Wege wird bereits bei jedem neuen Aufschließungsgebiet berücksichtigt, der Straßenbahnausbau auch im neuen Stadtteil Reininghaus vorangetrieben und die Dach- sowie Fassadenbegrünung gefördert.“

In Wien hat man unter dem Titel „Smart City Wien“ eine aus rund 90 Zielformulierungen bestehende „ganzheitliche Zukunftsstrategie“ mit dem Ziel einer CO2-Reduktion um 80 Prozent bis zum Jahr 2050 entworfen. Eine aktualisierte Fassung wurde vor zwei Monaten im Gemeinderat abgesegnet. „Vor allem die Bereiche Digitalisierung und Bevölkerungspartizipation wurden dabei aufgewertet“, erklärt Dominic Weiss, Chef der Smart City Agency, die im Auftrag der Stadt rund 100 Einzelaktivitäten – von der Fassadenbegrünung bis zu Maßnahmen im Bereich Robotik – koordiniert. „Die Umsetzung obliegt den Fachabteilungen der Stadt, über Kooperationen sind Unternehmen der Privatwirtschaft mit deren Know-how eingebunden“, sagt Weiss.

 

Projekt „Smarter Together“

Größtes Projekt ist die Beteiligung als einzige österreichische Stadt an der europäischen Initiative „Smarter Together“. Umgesetzt wird sie in einem Grätzel in Simmering: Gemeindebauten werden thermisch saniert, mit einer „intelligenten“ Energieverwaltung ausgestattet und mit Fotovoltaikanlagen versehen, Carsharing-Stationen eingerichtet. Dafür gibt es unter anderem sieben Millionen Euro von der EU. „Auch wenn es nicht unter dem Begriff Smart City läuft, trägt jeder neue Radweg, jede U-Bahn-Verlängerung in Wien zur Erreichung des Ziels bei“, ergänzt Weiss. Smart-City-Projekte mit unterschiedlichen Schwerpunkten gibt es außerdem in St. Pölten, Klagenfurt, Salzburg oder Innsbruck.

Smart Cities

Österreich ist Vorreiter in Sachen Smart Cities: Der Klima- und Energiefonds war 2011 europaweit die erste Stelle, die Förderungen für Initiativen auf diesem Sektor vergab. Das Konzept einer Smart City beinhaltet den Einsatz moderner Technologien in Hinsicht auf Energieeffizienz und Umweltschutz unter Einbeziehung der Bevölkerung. Ziel ist eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Termintipp: Am 21. November berichten Experten im Wiener Rathaus bei einem Symposium unter dem Titel „Stadterneuerung in Zeiten der Klimakrise“ über das Projekt „Smarter Together“ in Simmering.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2019)