Interview

Julya Rabinowich: "Ich durfte nichts, wollte alles"

„Angst und Verzweiflung kommen erst, wenn man sie sich leisten kann“, sagt Autorin Julya Rabinowich. Sie kennt sich aus damit.
„Angst und Verzweiflung kommen erst, wenn man sie sich leisten kann“, sagt Autorin Julya Rabinowich. Sie kennt sich aus damit.Clemens Fabry

Autorin Julya Rabinowich, auf der Buch Wien und demnächst im ORF präsent, über die grausigste Zeit ihres Lebens, Flugangst und Reden wie Natascha Kampusch.

Während wir reden, ringen Sie gerade mit Ihrer Flugangst. Ihr Buch „Herznovelle“, aus dem Elisabeth Scharang jetzt für den ORF den Film „Herzjagen“ gemacht hat, hat viel mit Lebensangst, Sterbensangst zu tun. Wie gehen Sie selbst mit Ihren Ängsten um?

Julya Rabinowich:
Wenn es nicht zu vermeiden ist, liefere ich mich all meinen Ängsten aus. In einer Bedrohungssituation kämpfe ich lieber. Und Ängsten auszuweichen, die unvermeidlich sind, macht einen kampfunfähig.

In der „Herznovelle“ kommt die Angst der herzkranken Hauptfigur nicht vor der Operation daher, wie man erwarten könnte, sondern danach.

Angst und Verzweiflung kommen ja eigentlich erst zu einem Zeitpunkt, zu dem man sie sich leisten kann, wenn sie einen nicht zerstört haben. Wenn man alles hinter sich hat, kommt die Angst, die man vorhin nicht zulassen konnte. In meinem Buch „Die Erdfresserin“ funktioniert die Hauptfigur auch noch unter den widrigsten Umständen, weil sie weiß, dass niemand sie auffängt. Als sich zum ersten Mal jemand um sie kümmert, kommt der Zusammenbruch.

Jahrelang haben Sie in Psychotherapiesitzungen für Asylbewerber gedolmetscht, in denen Menschen innerlich mit Extremsituationen umgehen. Wie haben Sie reagiert?