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Wort der Woche

Uran - Ein Streifzug durch eine strahlende Geschichte

Kaum ein anderes chemisches Element bestimmt das Weltgeschehen so stark mit wie Uran. Ein kurzer Streifzug durch eine strahlende Geschichte.

Das hätte sich der Berliner Chemiker Martin Heinrich Klaproth wohl nicht träumen lassen, dass seine Entdeckung einmal die Weltpolitik mitbestimmen sollte. 1789 isolierte er aus dem Mineral Pechblende eine Substanz, die er als Uranit, später als Uranium bezeichnete. Den Namen entlehnte er vom nur acht Jahre zuvor entdeckten Planeten Uranus (benannt nach dem griechischen Himmelsgott Uranos). Die Industrie hatte schnell Anwendungen parat: rote Keramikglasuren und vor allem das gelb-grüne Uranglas. Das Erzgebirge im heutigen Grenzgebiet zwischen Tschechien, Deutschland und Polen wurde zum Uran-Hotspot: Ab 1826 etablierte sich Joachimsthal (Jáchymov) als Zentrum der Herstellung des leuchtend bunten Glases – dessen Faszination man zurzeit in der Sonderausstellung „Annagelb und Eleonorengrün“ im Volkskundemuseum Wien nachspüren kann (das Betrachten der Gläser in den Vitrinen ist völlig unbedenklich).

Dass Uran auch eine unliebsame Eigenschaft hat, wusste man damals noch nicht: Radioaktive Strahlung wurde erst 1896 von Henri Becquerel nachgewiesen. Die Entdeckung von Rutherford, Fermi, Hahn, Meitner usw., dass bei der Kernspaltung riesige Energiemengen freigesetzt werden, löste schließlich ab den 1930er-Jahren einen wahren „Run“ auf Uran-Lagerstätten aus. Der Rest, nämlich die Errichtung von derzeit 452 Atomreaktoren und v. a. die Atombombenabwürfe 1945, ist Geschichte.

In der Folge wurden das Erzgebirge und das benachbarte Riesengebirge zu einem Spielball der Weltmächte. Die siegreichen Kommunisten beuteten die Uran-Lagerstätten dann rücksichtslos aus, ohne Gnade auch für die zwangsverpflichteten Soldaten und Häftlinge sowie die örtliche Bevölkerung – eindrücklich beschrieben zuletzt von Josef Haslinger in „Jachymov“ und nun in dem eben auf Deutsch erschienenen Buch „Kupferberg“, in dem der polnische Autor Filip Springer das Verschwinden der niederschlesischen Bergbaustadt Miedzianka nachzeichnet (335 S., Zsolnay Verlag, 25,70 €).

Im Erzgebirge wird heute kein Uran mehr abgebaut. Global ist das Zeitalter des Urans aber noch lange nicht zu Ende. Der weitere Einsatz von Atomwaffen möge uns erspart bleiben – es soll beim Säbelrasseln zwischen den Weltmächten, derzeit zwischen USA und Iran, bleiben. Der Bedarf an Uran wird dennoch steigen: Vielen Staaten gilt Atomstrom als CO2-neutrale Energieform. Und so erwartet die Atomenergiebehörde IAEA bis 2050 mehr als eine Verdopplung der Atomstromproduktion.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2019)