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Verkehrspädagoge: Fußgängern fehlt Eigenverantwortung

(c) APA(HERBERT PFARRHOFER)
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Bund und Gemeinden reagieren mit Überwachungsmaßnahmen auf Schutzwegunfälle und wollen so die Verkehrssicherheit erhöhen. Das löst das eigentliche Problem nicht, kritisiert ein Experte.

Wenn innerhalb weniger Wochen mehrere schwere Unfälle auf Schutzwegen passieren – in Wien starb ein achtjähriger Schüler, in Villach eine 82-Jährige, in Salzburg eine 84-Jährige – geraten Behörden unter Druck. Und wie fast immer sollen es auch dieses Mal Verbote und zusätzliche Überwachungsmaßnahmen richten.

Verkehrspädagogen wie der Oberösterreicher Fritz Menzl schütteln über den offen zur Schau gestellten Politaktionismus den Kopf: „Die Sicherheit auf Schutzwegen wird so nicht verbessert.“ Sinnvoller sei es, Fußgängern wieder beizubringen, dass auch ein Zebrastreifen Gefahren birgt. „Was fehlt, ist Eigenverantwortung.“

Die nämlich, ist Menzl überzeugt, hätten viele seit der Einführung des absoluten Vorrangs auf ungeregelten Übergängen verlernt. Der für die gegenseitige Rücksichtnahme wichtige Blickkontakt mit dem Straßenverkehr finde praktisch nicht mehr statt. „Stattdessen queren die meisten, ohne nach links oder rechts zu schauen, die Fahrbahn. Und das alles im Wissen, dass ihnen der Gesetzgeber dabei noch Recht gibt.“

 

Vorrang schützt nicht

Seit am 1. Oktober 1994 unter dem damaligen Verkehrsminister Viktor Klima (SP) der absolute Vorrang von Fußgängern auf Schutzwegen im Gesetz verankert wurde, steigt die Zahl der Unfälle auf Zebrastreifen. Damals waren es 501, im Vorjahr 745. Das entspricht einem relativen Zuwachs von 48,7 Prozent.

Ebenfalls bedenklich ist die Entwicklung bei den verletzten bzw. getöteten Fußgängern. Dem generellen Bergabtrend folgend zeigt diese zwar seit zehn Jahren nach unten. Allerdings mit zwei auffälligen Schönheitsfehlern. Erstens: Fußgänger profitieren vom allgemeinen Trend weitaus weniger stark als Pkw-Insassen oder Radfahrer (siehe Grafik). Zweitens: Seit 2005 stagnieren die Opferzahlen (ca. 100 getötete und 4000 verletzte Fußgänger jährlich). Rückgänge verzeichnet die Statistik nur noch beim motorisierten Kraftverkehr. Selbst im Detail, nämlich auf den Schutzwegen selbst, steht die Entwicklung still. Während Verkehrs- und Innenministerium Jahr für Jahr neue Tiefststände bei den Opferzahlen vermelden, hält sich die Zahl der jährlich Getöteten (2009: 19) und Verletzten (1139) auf Schutzwegen seit 2005 auf dem gleichen Niveau. Warum?

„Weil sich der Schutz der Insassen von Fahrzeugen verbessert hat, Fußgänger Autos gegenüber aber genauso schutzlos ausgeliefert sind wie eh und je“, meint Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Dort glaubt man, dass die für Fußgänger nachteilige Entwicklung der Verkehrssicherheit u.a. damit zu tun hat, dass trotz der Rücknahme der Lichtpflicht am Tag nach wie vor viele Fahrzeuge auch bei Helligkeit beleuchtet sind und (unbeleuchtete) Fußgänger von anderen leichter übersehen werden.

Was also tun gegen ein Problem, das offenkundig von Jahr zu Jahr größer wird? Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) und der Gemeindebund wollen in Zukunft mit Hilfe privater Unternehmen mehr Geschwindigkeitskontrollen durchführen. Nicht zum Zweck der Abzocke, wie beide betonen, sondern im Dienste der Fußgänger. Verkehrsministerin Doris Bures (SP) unterstützt das.

 

Fülle von Vorschlägen

Die Stadt Wien hingegen glaubt, mit der Videoüberwachung von Schutzwegen (ein Testversuch soll demnächst auf genau jenem Übergang starten, auf dem der achtjährige Schüler ums Leben kam) die Situation verbessern zu können. Eine Maßnahme, die lediglich zur Beweissicherung oder Abschreckung dienen kann.

Anders der Vorschlag des VCÖ. Der fordert, dass parkende Autos künftig mehr Mindestabstand zu Schutzwegen einhalten müssten. „Lieferwagen oder SUVs sind groß genug, dass die derzeit gültigen fünf Meter Abstand nicht ausreichen, um gute Sicht zu ermöglichen“, sagt Gratzer.

Verkehrspädagoge Menzl empfiehlt, bei den Fußgängern selbst anzusetzen, weil nur so auch Unfälle vermieden werden könnten. „Jeder, der eine Straße quert, sollte sich davon überzeugen müssen, ob er gefahrlos queren kann“, sagt er, und fordert einen entsprechenden Punkt in der Straßenverkehrsordnung. Es könne nicht sein, dass man die Verantwortung ausschließlich Autofahrern überlasse, die stets damit rechnen müssten, an Schutzwegen von Fußgängern überrascht zu werden, die ohne Vorwarnung die Fahrbahn queren. Dafür sei es sinnvoll, vor jeden Schutzweg eine sogenannte Auftrittsfläche auf den Boden zu malen. „Betritt ein Fußgänger diesen Bereich, weiß ein sich nähernder Autofahrer schon vorher, dass die entsprechende Person nicht nur wartet, sondern auch queren will.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2010)