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Der rasende Funk

Wenn 5G-Netzen die Kommunikationshoheit übergeben wird, erlebt der Mobilfunk seinen vielleicht bislang größten Entwicklungssprung. Willkommen in der Echtzeit.

Rast die deutsche Paralympics-Teilnehmerin Noemi Ristau mit bis zu 100 km/h auf Skirennstrecken zu Tale, ist sie im Normalfall auf Freundin und Partnerin Paula Brenzel angewiesen. Ristau ist seit ihrem zwölften Lebensjahr blind, Brenzel dient ihr als Guide, der im Abstand von wenigen Metern vorausfährt, Kommandos für die Richtungswechsel zuruft und vor Unebenheiten oder Hindernissen warnt.

Als Ristau im Frühjahr 2019 das Wagnis eingeht, eine Bergabfahrt erstmals ohne Pistenpartnerin zu bewältigen, sorgt sie für eine Weltpremiere unter blinden Skifahrern. Der Stunt ist ein technisches Experiment, geleitet und begleitet vom Mobilfunkanbieter Vodafone. Ristau ist mit Headset und einer Helmkamera ausgestattet, die die Bildinformationen per Smartphone an ein Kontrollzentrum weiterleitet. Brenzel empfängt hunderte Meter entfernt die Liveübertragung und spricht ihre Kommandos vom Studio aus direkt ins Ohr der Skifahrerin. Das Experiment gelingt, Ristau erreicht unfallfrei das Ziel. Möglich gemacht hat es der Einsatz der 5G-Technologie, mit der große Datenmengen quasi in Echtzeit übermittelt werden können.

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Latenter Speed

„Der Speed-Stunt war ein spektakulärer Demo-Event. In naher Zukunft sollen vor allem Anwendungsfelder für Industrie, Wissenschaft und Entertainment erschlossen werden“, sagt Hannes Ametsreiter, CEO Deutschland von Vodafone, dem ersten Netzbetreiber in Deutschland, der das 5G-Netz für private Nutzer geöffnet hat. „Die ersten 5G-Endgeräte haben wir im Juli 2019 auf den Markt gebracht, seit August funken rund 50 Stationen in ausgesuchten deutschen Städten und Gemeinden mit 120 5G-Antennen im Netz.“ Die fünfte Generation drahtloser Breitbandtechnologie wird laut Ametsreiter neue Maßstäbe setzen, vor allem, wenn es um zwei zentrale Eigenschaften der Leistungsfähigkeit eines Funknetzes geht: Geschwindigkeit und Latenz.

DVD in vier Sekunden

Bei der Geschwindigkeit – auch Bandbreite, Datenübertragungsrate, Datenrate oder Verbindungsgeschwindigkeit genannt – geht es um die Menge an digitalen Daten, die innerhalb einer Zeiteinheit übertragen werden können. Gemessen wird in der Regel in Megabit pro Sekunde (Mbit/s). Unter Idealbedingungen soll die 5G-Geschwindigkeit bis zu 10.000 Mbit/s betragen, womit sie rund hundertmal schneller wäre als die Vorgängergeneration 4G (=LTE-Standard) oder etwa 30-mal schneller als die aktuell schnellste Festnetzverbindung. Zur Veranschaulichung: Um den Inhalt einer DVD (Kapazität von 4,7 Gigabyte, das entspricht 37.600 Megabit) herunterzuladen, bräuchte man über eine gute 4G-Datenverbindung mehr als sechs Minuten und über das ideale Festnetz mehr als zwei Minuten. Ein 5G-fähiges/r Smartphone oder Laptop hätte die Aufgabe in weniger als vier Sekunden erledigt.

Ping in neuen Dimensionen

Neue Dimensionen erreicht 5G auch bei der Latenzzeit. Darunter wird der Zeitraum zwischen einem Ereignis und dem Eintreten einer sichtbaren Reaktion verstanden. Computertechnisch gesprochen ist die Rede von jenem Zeitraum, den ein Datenpaket von einem Endgerät zu einem Server im Internet und wieder zurück benötigt. Bestens vertraut mit der Latenzzeit, auch Ping genannt, sind etwa Online-Gamer. Je weniger die Daten verzögern, desto weniger Ruckler und Aussetzer gibt es im Spiel. Typisch sind heutzutage (4G-Standard) Ping-Zeiten im Bereich von 40–50 Millisekunden (ms). Zum Vergleich: Ein menschlicher Wimpernschlag dauert rund 100 ms. Mit 5G darf man künftig mit einer Latenzzeit von einer Millisekunde oder weniger rechnen.