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Roboter und KI sichern Europa Arbeitsplätze

Otto Preiss, COO Digital bei ABB, ist überzeugt, dass die steigende Anzahl an Fabrikrobotern der heimischen Wirtschaft auch neue Arbeitsplätze beschafft.

Auf der diesjährigen Smart Automation in Linz war der kollaborative Roboter YuMi von ABB der große Star und verdeutlichte, wie die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine in der Fabrik der Zukunft aussehen könnte. Der Technologiekonzern ABB fokussiert immer stärker auf die Digitale Industrie. Vor rund drei Jahren hat sich der Industriemulti dazu entschieden, die gesamten Digitalisierungsanstrengungen zentral zu koordinieren. In der konzernzentralen Organisation übernahm der gebürtige Österreicher Otto Preiss die Rolle als COO Digital Ende 2017.

Die wohl medienwirksamste Innovation gelang ABB im Geschäftsbereich Fabrikautomatisierung mit dem kollaborativen Roboter YuMi. Warum stößt dieser kleine Roboter in der Industrie auf so positives Echo?
Bisher war es typisch, dass Roboter abgeschirmt vom Menschen agieren. YuMi arbeitet mit dem Menschen zusammen. Mit seinen zwei Armen, sieben Achsen und Kameras in den Greifarmen ist er optimal geeignet, um Kleinteilmontagearbeiten zu übernehmen, die bisher Arbeitskräften aus Fleisch und Blut vorbehalten waren. Die Kameras dienen zur „motion detection“. Dadurch kann der Roboterarm Gegenstände selbstständig finden und exakt greifen. Als Konzeptstudie haben wir zum Beispiel auch eine YuMi-Lösung zusammen mit IBM realisiert, bei der YuMi vom Operator die ausführenden Schritte vorgezeigt bekommt und sie dann kopiert. Der Operator korrigiert so lange, bis der Roboter den Prozess richtig erlernt hat. Ein bisschen so, wie man ein Kind erzieht. Das Faszinierende dabei: die Personen können den Roboter programmieren, ohne Ingenieurwissenschaft studiert zu haben, sondern sie programmieren, indem sie mit dem Roboter interagieren, als würden sie einen neuen Mitarbeiter anlernen. Hat YuMi erst einmal verstanden, was am Ende herauskommen soll, kann er sogar Vorschläge zur Prozessoptimierung machen.

In Zukunft soll auch ein einarmiger YuMi auf den Markt kommen. Wo liegt der Unterschied und Vorteil zur Zweiarmvariante?
Der Vorteil beim Einarmroboter ist, dass er die Möglichkeit bietet, noch flexibler montiert zu werden, je nachdem, wie ihn der Anwender benötigt. Das kann seitlich sein, aber auch auf den Kopf gestellt von der Decke herab. Während sich YuMi mit zwei Armen für den Start- und Endpunkt einer Fertigungskette eignet, um zum Beispiel mit einem Arm ein Produkt aus einer Schachtel zu nehmen oder hineinzulegen, ist der einarmige YuMi eher inmitten der Kette geeignet. Vorteile sind auch, dass der Einarmroboter mit neun Kilogramm ein echtes Leichtgewicht ist und problemlos montiert werden kann, ohne spezielle Infrastrukturanforderungen zu benötigen.

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Ob ein Arm oder zwei – in jedem Fall ersetzen Roboter Routinearbeiten und damit geht es zu Lasten von Arbeitskräften. Verliert der Mensch den Kampf Mensch versus Maschine? 
Ich finde, die Diskussion „Mensch versus Maschine“ ist der falsche Ansatz. Das Motto sollte lauten „Mensch und Maschine“. Es wird eine Verschiebung von Jobs stattfinden. Routinearbeiten werden eher verschwinden, aber parallel dazu entstehen neue, vor allem hochwertige Jobs. Studien zeigen: Länder mit den größten Roboterpopulationen in der Industrie, wie zum Beispiel Deutschland und Japan, haben die niedrigsten Arbeitslosenraten. Die roboterbasierte Automation bietet für KMU die einzige Chance, kundenspezifische Lösungen kosteneffizient ausführen zu können und sich damit zu differenzieren, indem man in der Lage ist, überschaubare Mengen kundenorientiert anzufertigen. Gegen Massenwaren aus Fernost werden sich europäische Unternehmen ohne Differenzierung nicht mehr durchsetzen. Die Robotertechnologie gewährt die Möglichkeit, Stückzahl 1 qualitativ und dennoch kostengünstig zu produzieren. Solche Aufträge generieren natürlich auch wieder neue Arbeitsplätze.

Aber die Frage ist, wer wird in Zukunft das Sagen haben: Mensch oder Maschine? Sie haben bereits anklingen lassen, dass YuMi Prozesse optimieren kann. Werden wir in Zukunft nur noch ausführen, was die künstliche Intelligenz uns vorschreibt? 
Nein, der Mensch wird auch in Zukunft den Ton angeben. So schnell ändert sich das nicht. Experten sind sich einig, dass vor 2040 kein Roboter auch nur annähernd eine ähnliche Kapazität aufweisen wird wie das menschliche Gehirn. Ich habe in den 1990er-Jahren in den USA Künstliche Intelligenz studiert. Die Algorithmen sind noch immer die gleichen wie damals, heute haben wir aber genügend Rechenleistung und Speicher, um mit gewissen Tätigkeiten sukzessive in den autonomen Bereich oder in Arbeitserleichterung reinzugehen. Ich beobachte, dass die einzelnen, pragmatischen Lösungen einerseits Kundennutzen haben, gleichzeitig aber auch arbeitsverträglich sind. Das stimmt mich sehr optimistisch für die Fabrik der Zukunft als Wirtschaftskraft.

Innovation in der Robotik ist vor allem in China sehr stark. Ist das ein Grund, warum ABB dort kürzlich eine neue Roboterfabrik errichtete?
ABB ist schon über 100 Jahre in China stationiert. Die Roboterfabrik ging zwar durch die Medien, ist für uns aber nur ein weiterer und natürlich wichtiger Baustein einer kontinuierlichen Weiterentwicklung. Unsere Robotik-Zentrale verlagerten wir bereits 2005 nach Asien. In den nächsten Jahren wird der Weltmarkt im Bereich Robotik um jährlich 14 Prozent wachsen, in China um jährlich 16 Prozent. Jeder dritte Roboter wird in China verkauft. Dort eine Präsenz zu haben ist heute umso wichtiger. Weltweit sind wir im Bereich Robotik Nummer 2, in China aber Nummer 1, obwohl dort der Andrang an Anbietern besonders hoch ist.

Wie kann ABB von der neuen Seidenstraße profitieren?
Die Seidenstraße ist für uns ein Riesenthema. Gerade, weil wir schon seit über 100 Jahren in China sind, können wir bei vielen Projekten chinesische Partner unterstützen. Wir haben mit mehr als 400 Kunden rund 280 Seidenstraßenprojektdispositionen am Laufen.

Welche Seite profitiert von der Seidenstraße mehr: Asien oder Europa?
Es ist eine Win-win-Situation für beide Seiten. Am intensivsten profitieren die Länder, die in den Seidenstraßenkorridoren bzw. -straßen liegen und in denen bisher unterentwickelte Infrastruktur, ineffiziente Fabrikation und eine negative CO2-Bilanz herrschten. Durch die Seidenstraße stehen diesen Ländern nun die Türen offen für Fabriksautomation und das führt zu einer CO2-Reduktion. Für Firmen wie ABB bietet die Seidenstraße die Möglichkeit, besser mit chinesischen Firmen zusammenzuarbeiten, aber auch lokal in China zielorientierter zu operieren.

 

Zur Person 

Dr. Otto Preiss (57) ist Group
Senior Vice President und Chief Operating Officer Digital (COO
Digital) bei ABB. Der Digitalisierungsmanager begann seine
Karriere bei ABB bereits 1986 als Serviceingenieur. Er leitete verschiedene globale Geschäftsbereiche von ABB, etwa das Generatoren- und Motorengeschäft oder auch das  ABB-Konzernforschungszentrum in Baden-Dättwil (Schweiz).