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KI: Strukturwandel mit enormen Potential

Für eine dauerhafte Technologieführerschaft im Bereich der KI sind nicht nur technologische Lösungen gefragt, sondern auch der gesellschaftliche Dialog. Von Reimund Neugebauer, seit 2012 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.

Alles spricht dafür, dass Künstliche Intelligenz (KI) unser Leben von Grund auf verändern wird. Das Ausmaß ist heute noch nicht abzusehen. Fest steht: KI, kognitive Systeme und lernende Maschinen spielen eine entscheidende Rolle in der künftigen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Dies bedeutet einen grundlegenden Strukturwandel für die internationale Wirtschaft und die industriellen Wertschöpfungsketten. Die International Data Corporation rechnet mit weltweiten Ausgaben für kognitive Lösungen in Höhe von 40 Milliarden US-Dollar bis zum Jahr 2020. Doch der Einsatz neuer Technologien eröffnet nicht nur Chancen, sondern stellt uns auch vor Herausforderungen. Wo Fortschritt disruptiv wird, wachsen die Ängste. Daher sind für eine dauerhafte Technologieführerschaft im Bereich der KI nicht nur technologische Lösungen gefragt, sondern auch der gesellschaftliche Dialog. Ängsten und Mythen müssen wissenschaftliche Erkenntnisse entgegengesetzt werden.  

KI in der Industrie 4.0 – die Produktion von morgen

Zentral für unsere wirtschaftliche Zukunft und ein wichtiges Anwendungsfeld für die KI ist die Art und Weise, wie wir unsere Güter produzieren. Entsprechend hoch sind die Erwartungen und Anforderungen, die an die Produktion von morgen geknüpft werden: Sie muss flexibel, sicher und intuitiv sein. Die vierte industrielle Revolution, die »Industrie 4.0«, steht für die intelligente Vernetzung von Produktentwicklung, Produktion, Logistik und Kunden, und sie ist eng an die Fortschritte der KI geknüpft. So werden durch die Digitalisierung von Fertigungs- und Produktionsprozessen immer mehr Daten erfasst. Daraus erschließen Methoden des maschinellen Lernens und der automatisierten Modellbildung große Optimierungspotenziale – zum Beispiel schnelle Ursachenfindung bei Störungen, Anomalie-Detektion oder Kausalitätsanalyse. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, stehen Unternehmen vor der Herausforderung, auf Basis der neuesten Entwicklungen im engen Zusammenspiel mit der Forschung immer wieder innovative Lösungen hervorzubringen und umzusetzen. Dabei stehen neben der Sicherheit von Produktionsnetzen und der Ausfallsicherheit von Produktionseinheiten besonders deren flexibler Einsatz sowie die intuitive Gestaltung der Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine im Vordergrund. Zu diesem Zweck müssen wir Erfahrungen durch Forschung und weitere praktische Umsetzung sammeln. Gleichzeitig ist es wichtig, Menschen für digitale Arbeitsweisen zu schulen und sie mit neuen Prozessen vertraut zu machen. In Deutschland und Österreich haben wir ein enormes Potenzial dafür, aber nur, wenn wir die Entwicklung wesentlicher Technologien selbst vorantreiben. 

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Cybersicherheit: zentrale Herausforderung unserer Zeit

Für die internationale Wirtschaft bedeuten diese technologischen Entwicklungen einen grundlegenden Strukturwandel, der enormes Potenzial für die Wertschöpfungsketten mit sich bringt. Doch Chancen und Risiken liegen in der digitalen Welt eng beieinander. Wer online ist, ist angreifbar. Je komplexer die Strukturen werden, desto verletzlicher sind sie. Daher bilden die Digitalisierung und die vernetzte Industrie 4.0 nicht nur die Grundlage für komplexe Anwendungen und neue Geschäftsprozesse – sie liefern zugleich Angriffsflächen für IT-basierte Angriffe. Entsprechend nimmt die Gefährdung durch Cyberkriminalität und der dadurch entstehende volkswirtschaftliche Schaden zu. Deshalb ist ein entscheidender Grundpfeiler bei der Einführung und Umsetzung der Produktion von morgen und von neuen digitalen Technologien ganz allgemein die Cybersicherheit. Sie ist eine der bedeutendsten Herausforderungen unserer Zeit und eine Schlüsselfrage für die Wirtschaft, denn ohne Vertrauen in die Sicherheit neuer Technologien wird die digitale Transformation nicht gelingen. Daher ist es die zentrale Aufgabe der Cybersicherheitsforschung, die Risiken zu minimieren, um die Chancen besser nutzen zu können. Um diesen Gefahren der vernetzten Welt zu begegnen, wird es immer wichtiger, innovative Sicherheitstechnologien zu entwickeln. Diese müssen potenzielle Bedrohungen und bösartiges Verhalten im Cyberspace effizient analysieren – nur so können rechtzeitig sicherere Systeme und adäquate Schutzmechanismen bereitgestellt werden. Durch die Nutzung von Techniken des maschinellen Lernens und der Verwendung neuronaler Netze können die neu entstehenden Cybersicherheitssysteme kontinuierlich aus Daten lernen, um sich dynamisch an Veränderungen der operativen Szenarien anzupassen – und so beispielsweise Anomalien zuverlässig aufzudecken. Doch auch hier gilt: Bei aller Technik dürfen wir auch das Thema Aus- und Weiterbildung nicht vergessen, denn mit der fortschreitenden Digitalisierung werden in den kommenden Jahren mehr Sicherheitsspezialisten benötigt.

Angst vor KI?

Der technische Fortschritt hat dem Menschen stets Aufgaben abgenommen – und er hat ihm neue, vielseitigere, reizvollere Möglichkeiten geschaffen, die frei gewordene Zeit einzusetzen. Mensch und Maschine, so haben wir das oft genug erleben können, ergänzen sich. Auch menschliche und maschinelle Intelligenz werden sich ergänzen. Niemand muss sich Sorgen machen, wenn Technik einige Teilbereiche menschlichen Denkens übernehmen kann; so Vieles bleibt, was den Menschen in seiner Einzigartigkeit und in seiner Vielseitigkeit beschäftigen wird. Angst vor KI? Maschinen werden unseren Wirkungskreis erweitern, jedoch nicht die Führung übernehmen. Doch der globale Wettbewerb ist enorm stark, insbesondere von ostasiatischer und nordamerikanischer Seite. Wir in Europa müssen der Konkurrenz eigene Innovationen entgegensetzen. Nicht zuletzt, weil wir dadurch mittelbar auch eine auf unserem Rechts- und Wertesystem basierte KI in die Anwendung bringen.