Der Plot um Machtmensch Hoffa (Pacino) und seinen Leibwächter (De Niro) umspannt einige Dekaden.
„The Irishman“

Gangster, wir werden alt!

Martin Scorsese ließ für sein dreieinhalbstündiges Unterwelt-Epos Robert De Niro, Joe Pesci und Al Pacino digital verjüngen. Ein altersweiser Film, den man sich im Kino anschauen sollte – viel Zeit lässt Netflix einem dafür nicht.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die allermeisten Menschen „The Irishman“, den neuen Film von Martin Scorsese, einem der gewaltigsten und intelligentesten Fürsprecher für das klassische Kinoerlebnis, nicht auf der Leinwand, sondern auf dem Fernseher (oder sogar am Smartphone) sehen werden. Es ist der bis dato grellste – und für einige deprimierendste – Beweis für die gravierenden Umwälzungen in der Filmindustrie, dass mittlerweile auch Regisseure, die jahrzehntelang Garanten für künstlerisch wertvolle Großproduktionen waren, mit Streamingplattformen zusammenarbeiten (müssen), um ihre Wunschprojekte realisiert zu bekommen.

Jetzt kann man, durchaus zu Recht, sagen, dass egal ist, woher das Geld kommt – Hauptsache, Scorsese konnte seinen Film mit einem der größten Budgets seiner Karriere, satten 159 Millionen US-Dollar, und mit größter kreativer Freiheit inszenieren. Tatsächlich hing das Projekt viele Jahre in der sogenannten Development Hell fest, kein großes Studio wollte das hochriskante Mafia-Epos finanzieren – bis 2017 Netflix zugriff. Einen klassischen Kinostart wird der Film nun aber nicht erfahren: Netflix nutzt die kurze Kino-Auswertung seiner Eigenproduktionen vor allem als Aufmerksamkeitsgenerator für die eigene Plattform. Die internationale Cinephilie, für die Scorsese auch aufgrund seiner filmrestaurativen Tätigkeiten zu einer Leuchtfigur geworden ist, reagierte mit den üblichen Vorwürfen, Netflix würde das Kino, so wie man es (noch) kennt, zerstören.

The Irishman
(c) Netflix

Ein gerüttelt Maß an Nostalgie, die Erinnerung an eine im ungnädigen Zeitfluss versunkene Ära, scheint auch den greisen Frank Sheeran, Spitzname „The Irishman“ (Robert De Niro), zu prägen, wenn er die Erzählung seines Lebens beginnt. Zuvor reist Rodrigo Prietos Kamera noch in einer langen Fahrt ohne Schnitt durch die Senioren-residenz, in der Frank lebt, und erinnert darin nicht zufällig an ähnlich berauschende, technisch hochkomplexe Plansequenzen in Scorseses Mafia-Meisterstück „Good Fellas“ (1990) – mit dem Unterschied, dass damals Mobster und Mädchen durch den Bildraum fegten und nicht alte Damen, gestützt auf einen Rollator.

Franks Unterwelt-Karriere beginnt, als er in den Fünfzigerjahren in Philadelphia in den Dunstkreis des Mafia-Paten Russell Bufalino (aus dem Ruhestand zurückgekehrt und ganz großartig: Joe Pesci) gerät und diesen mit seiner Loyalität und Pragmatik beeindruckt. Bald schon entfernt er Feinde und andere unliebsame Subjekte, ohne nachzufragen, und rückt so immer weiter ins Machtzentrum des Clans vor, allerdings ohne jemals selbst Führungsansprüche zu stellen. Als der mächtige Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (ein groß aufspielender Al Pacino), der beste Verbindungen zur Mafia pflegt, Bufalino um Hilfe bittet, schickt dieser Frank zur Unterstützung: Es gilt einen aufstrebenden Konkurrenten zu demontieren, gleichzeitig wird der Irishman auch Hoffas engster Vertrauter und Leibwächter, der häufig im gleichen Zimmer mit ihm schläft, sowie Mittelsmann zwischen dem aufbrausenden Egozentriker und dessen geschäftlichen wie kriminellen Partnern.

Falten und Feindschaften

Martin Scorsese spannt „The Irishman“ über viele Jahrzehnte auf und ließ dafür seine Hauptfiguren digital verjüngen. Der enorm komplexe De-Aging-Prozess, der ganze Dekaden von den Charaktergesichtern von De Niro, Pesci und Pacino abschleift und das Film-Budget anschwellen hat lassen, zeitigt hier außergewöhnliche Ergebnisse. Mit verstreichender Zeit graben sich immer mehr Falten in die Haut, während sich die Allianzen und Feindschaften in der Unterwelt beständig verändern. Und Frank, den De Niro im Gegensatz zu vielen anderen seiner Rollen beinahe gleichmütig spielt, gerät zwischen die Fronten.

„The Irishman“ kann man einen altersweisen Film nennen, die inszenatorische Frenetik von früheren Scorsese-Filmen ist hier einem ruhenden Beobachten gewichen. Es ist das Gefühlsprotokoll einer sich verändernden Unterwelt, es sind Notizen aus einem verrauchten, verruchten Zwischenreich, das dieser Regisseur beinahe im Alleingang in die filmische Moderne gerissen und dem er ikonische Gestalt verliehen hat. „The Irishman“ ist durchdrungen vom Bewusstsein über Vergänglichkeit: Die ehemals virilen Mobster-Körper werden nach Schlaganfällen im Rollstuhl durch Gefängnishöfe geschoben und bei der Nachricht, dass ein anderer Mafioso tot ist, lautet die Antwort auf die Frage „Wer war's?“ jetzt: „Der Krebs.“ Gut möglich, dass dieses knapp dreieinhalbstündige Großwerk auch Scorseses letztes Gangster-Epos bleibt – das man sich, sofern möglich, unbedingt im Kino anschauen sollte. Was danach kommt, weiß keiner. Sehr wahrscheinlich ist allerdings, dass man es auf Netflix sehen wird.

MARTIN SCORSESE, NETFLIX UND DIE GROSSE LEINWAND

Filmproduktion. Seit 2008 gibt es Berichte über Martin Scorseses Pläne, den Kriminalreport „I Heard You Paint Houses“ zu verfilmen. Das Projekt wuchs und wurde teurer, zuletzt sicherte sich Netflix die Filmrechte. Nur Netflix habe ihm ermöglicht, den Film so zu drehen, wie er wollte, sagt Scorsese – immerhin einer der größten Verfechter der Cinephilie, der stets klarmacht: Große Filme gehören auf die große Leinwand. „The Irishman“ wird immerhin für kurze Zeit in ausgewählten US-Kinos laufen, damit er für die Oscars zugelassen wird. Auch in Österreich ist er ab Freitag im Kino zu sehen, ab 27. November dann auf Netflix.

Weitere Netflix-Filme mit limitiertem Kinostart: „Marriage Story“ von Noah Baumbach (ab 15. 11. im Kino, ab 6. 12. auf Netflix), „The Two Popes“ von Fernando Meirelles, mit Jonathan Pryce und Anthony Hopkins (ab 6. 12. bzw. 20. 12.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2019)