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Gastbeitrag

Verpasste Chance der Nationalbank

Die medizinische Forschungscommunity ist in Aufruhr: Die Nationalbank vergibt ihre Forschungsmillionen anders.

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Die neue Führung der Oesterreichischen Nationalbank hat beschlossen, die über ihren sogenannten Jubiläumsfonds geförderten Forschungsprojekte thematisch auf Geld- und Finanzpolitik zu konzentrieren. Dass dies zu einem Aufschrei der bisher mit den höchsten Summen beteilten medizinischen Forschung führte, ist verständlich. Die dort angesprochenen Probleme müssten aber vor allem zwischen den medizinischen Universitäten und den jeweiligen Krankenanstaltsträgern gelöst werden. Die wenigen Millionen des Jubiläumsfonds werden im Vergleich zu den Hunderten Forschungsmillionen aus dem Budget des Wissenschaftsressorts die Grundsatzfrage der Dringlichkeit der Freistellung von medizinischen Forschern nicht abfedern können. Die alte Auseinandersetzung – AKH als Forschungsstätte oder Gemeindespital – wird vonseiten der Medizinischen Universität geführt werden müssen und kann nicht über den Jubiläumsfonds geklärt werden.

Verwunderlich ist, dass der Besen, der in seiner neuen Form meist gut kehrt, die Chance einer Neuausrichtung des Jubiläumsfonds vertan hat. Die Grundsatzfrage, wie diese Forschungsmittel in einer sich durch die Digitalisierung dynamisch verändernden Forschungswelt optimal eingesetzt werden könnten, wurde nicht gestellt. Relevante gesellschaftliche Herausforderungen wie Bildung, Gesundheit, Umwelt oder Migration, die von der neuen EZB-Chefin, Christine Lagarde, zumindest teilweise bei ihrer Antrittspressekonferenz angesprochen wurden, sollten auch die österreichische Forschungsförderungseinrichtung interessieren, die ja immerhin Mitglied der EZB ist.

Doch es soll hier keine Bewertung der Wichtigkeit einzelner Forschungsdisziplinen erfolgen. Die strukturelle Zukunft von Forschung ist spannender. So entsteht beispielsweise wissenschaftliches Wissen auch außerhalb von akademischen Forschungslaboren. Formate wie Living Labs, in denen eine Sektoren und Disziplinen übergreifende Beteiligung verschiedener Akteure angestrebt wird, verbreiten sich. Wissenschaftsstrukturen werden den forschungs- und innovationspolitischen Erwartungen angepasst. Und dabei geht es um Lösungen für anstehende Probleme, für die man sich die besten Forscherinnen aus allen notwendigen Disziplinen projektspezifisch zusammenholt.

 

Hoffnung auf Neuausrichtung

Der erste Schritt in Richtung einer neuen Positionierung mag missglückt sein, die Hoffnung auf eine wirklich innovative Neuausrichtung sollte dennoch weiterleben. Es geht nicht um die Gelder einer Privatbank, es geht um eine steuerfinanzierte Einrichtung mit hoher gesamtgesellschaftlicher Verantwortung, die Bereiche wie Bildung und Gesundheit umfassen muss und nicht ausschließen darf. Die volkswirtschaftliche Entwicklung hängt – wie zahlreiche Studien belegen – eng mit der Bildung und Gesundheit ihrer Bevölkerung zusammen. Der gesellschaftsrelevante Einsatz der Mittel in einer modernen Forschungsstruktur würde hier auch dem Präsidium für Entscheidungen Grundlagen liefern, die zwar nicht unmittelbar mit der Geld- und Finanzpolitik zusammenhängen, die Entscheidungen in diesem fokussierten Bereich in der Qualität aber wesentlich verbessern würden. Möge daher der zweite Schritt noch folgen, auch wenn dieser eine längere Vorlaufzeit benötigt als der wohl übereilt beschlossene Tagesordnungspunkt „Fokussierung“. Die Verantwortung für die Weiterentwicklung der österreichischen Forschung liegt bei jedem Financier. Möge die Oesterreichische Nationalbank diese Verantwortung in der vollkommen neuen, zukunftsgerichteten Aufstellung zeigen.

Günther R. Burkert, Sektionschef i.R., war für den Bereich Forschungspolitik im Ministerium für Wissenschaft u. Forschung zuständig. Er forscht an der Donau-Uni Krems.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2019)