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Pflegelehre

Mit 15 Jahren zu jung für die Pflege?

Stress, Druck, chronischer Personalmangel: Der Pflegeberuf steckt in einer Imagekrise.
Stress, Druck, chronischer Personalmangel: Der Pflegeberuf steckt in einer Imagekrise.(c) Getty Images/Maskot (Maskot)

Wirtschaftskammer und ÖVP wollen eine Pflegelehre einführen, die Arbeitskammer warnt. Der Personalbedarf ist groß – die Wege, ihn zu decken, sind aber höchst umstritten.

Wien. Es ist eine sehr grundsätzliche Frage, die sich hier stellt: Sollen 15-Jährige in Österreich eine Ausbildung zur Pflegekraft machen dürfen – oder erst 17-Jährige, wie es der Status quo ist? Laut Gesetz dürfen Pflegekräfte erst ab 17 Jahren am Krankenbett arbeiten. Aber im Gesundheitsbereich herrscht akuter Personalmangel. Die Wirtschaftskammer will deshalb einen Lehrberuf Pflegeassistenz einführen. Die Forderung ist nicht neu – aber ein von der Wirtschaftskammer verfasster Entwurf für eine Verordnung, der laut Arbeiterkammer „kursiert“, ist es schon. Der Lehrberuf Pflegeassistenz mit einer Dauer von drei Jahren soll demnach als Ausbildungsversuch eingerichtet werden.

Die Arbeiterkammer hat reihenweise Gegner mobilisiert und am Mittwoch vor der Pflegelehre gewarnt: „Wir befürchten, dass es auf beiden Seiten zu massiven Überforderungen kommen würde“, sagte Silvia Rosoli, Leiterin der Abteilung Pflegepolitik. Also aufseiten der jungen Pflegenden wie aufseiten der Pflegebedürftigen.

Bedarf an Pflegekräften gibt es auf jeden Fall. Laut Statistik Austria bezogen im Vorjahr rund 459.000 Menschen Pflegegeld. 2017 wurden knapp 150.000 Personen zu Hause durch mobile Dienste gepflegt, noch einmal 82.500 waren stationär in Pflegeheimen untergebracht. Laut dem österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverband sind derzeit 150.000 Pflegekräfte im Gesundheits- und Pflegewesen tätig. Aber die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Pension, es kommen weniger Junge nach, und der Pflegeberuf steckt in einer Imagekrise. Der Arbeitsdruck wächst, die Beschäftigten leiden unter physischen und psychischen Belastungen, berichten Experten. „Mehr als ein Drittel der Beschäftigten in Pflegeheimen waren körperlicher Gewalt ausgesetzt, jeder Fünfte wurde sexuell belästigt“, zitiert Rosoli aus einer Studie im Auftrag der AK.

Die Kammer fürchtet, dass Jugendliche „als billige Arbeitskräfte missbraucht“ und „überfordert“ würden, falls die Pflegelehre eingeführt wird. Zumal die Anforderungen an Pflegeassistenten hoch seien: Hilfestellung bei Erbrechen und Durchfall zählen genauso zum Berufsbild wie das Verabreichen von Medikamenten und das Erkennen von Anzeichen von Krisen. Dinge, die für Jugendliche zu viel sein könnten, so die Kritiker.

 

Vorbild ist die Schweiz

In der Wirtschaftskammer versteht man die Aufregung nicht. In Zeiten des Mitarbeitermangels im Pflegebereich müsse man darüber nachdenken, wie man genügend Menschen für diese Berufe interessieren kann, sagt Martin Hoff, stellvertretender Obmann des Fachverbandes der Gesundheitsbetriebe in der Wirtschaftskammer. Ein neuer Lehrberuf sei ein Weg. Wobei man Jugendliche keineswegs überfordern wolle. Eine Pflegelehre trage den Bestimmungen Rechnung, dass Schüler erst nach Vollendung des 17. Lebensjahres am Krankenbett praktisch unterwiesen werden dürfen. Wobei Hoff dieses Gesetz infrage stellt: Es sei „eine überholte, künstliche Altersschwelle, die aus den 1960er-Jahren stammt“. Einst als Schutzbestimmung gedacht, sei sie heute ein Karrierehindernis, so Hoff.

Die Befürworter der Pflegelehre nennen stets die Schweiz als Vorbild, wo man sich innerhalb von drei Jahren zum Fachmann Gesundheit ausbilden lassen kann. Der Lehrberuf ist unter jungen Schweizern beliebt. Allerdings dachten laut einer Umfrage von 2015 45 Prozent der Auszubildenden schon wieder über den Ausstieg nach. Ein nicht geringer Teil der Absolventen würde anschließend studieren und in andere Branchen abdriften, sagt Ursula Frohner, Präsidentin des österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes. Und: „Die gesellschaftliche Stellung der Gesundheits- und Krankenberufe ist in der Schweiz höher.“ Auch sie lehnt die Pflegelehre – wie die Gewerkschaft – strikt ab. Der Pflegeberuf werde damit einmal mehr bagatellisiert. „Die Pflegelehre ist eine Sackgasse“, sagt Frohner.

 

ÖVP dafür, Grüne dagegen

Auch die Volkshilfe, ein großer Anbieter von mobiler Pflege, ist gegen die Lehre. „Die Hoffnung, dass man so Fachkräfte bekommen kann, teile ich nicht“, sagt Geschäftsführerin Tanja Wehsely. Die Ausbildung sei besser in berufsbildenden mittleren und höheren Schulen aufgehoben. Die Caritas fordert, dass die Pflegelehre in Pilotprojekten getestet wird.

Silvia Rosoli von der Arbeiterkammer befürchtet, dass die Forderung „in einer Koalition sehr schnell umgesetzt wird“. Fragt sich nur, in welcher. Die ÖVP will sich laut ihrem Regierungsprogramm für die Pflegelehre einsetzen. Mit der FPÖ hätte das wohl geklappt: Mehrere Vertreter haben sich dafür ausgesprochen. Aber die Grünen, mit denen aktuell Koalitionsverhandlungen laufen, lehnen eine Pflegelehre ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2019)