Bentley

Es bleibt in der Familie

Die Verwandtschaft legt zusammen: Mit gestähltem Body geht Bentleys Flying Spur auf Sportwagenjagd

Das nennt man Sparen ohne Not: Wenn der Flying Spur im Eco-Modus sechs Zylinder abschaltet, bleibt immer noch ein halbes Dutzend im Dienst. Der Mensch am Steuer soll davon freilich gar nix merken, er hat stets die ganze Macht eines großen und gewiss prall gefüllten Motorraums an seinem Gucci-besohlten Fußballen auf Abruf.
Das war immer schon das Wesen des Bentley-Fahrens: Kraft ohne Ende, Sportlichkeit, soweit es halt die gewichtstreibenden Anlagen erlauben, und für die Behaglichkeit an Bord mehr polierter Edelstahl, mehr Vollholz und Leder, als in den Salon eines Gentlemen’s Club im Londoner Westend passen.

Eine Limousine in markentypischer Opulenz, und doch ganz anders als je zuvor: Flying Spur, die Dritte.(c) Richard Pardon



Neu ist, dass sich die Verwandtschaft zunehmend bemerkbar macht. Seit 1998 ist die englische Marke im Volkswagen-Konzern zu Hause, und seither besteht ein subtiles Tauziehen um Synergien und Authentizität, mit anderen Worten: Was kann man an Technik aus deutscher Hand übernehmen, ohne den Nimbus der Aristo-Marke, die heuer immerhin ihren Hunderter feiert, zu verwässern? Eine ganze Menge, in fact, und die Kundschaft hat sich bislang nicht beklagt. Allradantrieb und Zwölfzylinder kamen über Wolfsburg ins Haus und waren sicherlich nicht unwillkommen (wiewohl Bentley traditionell eher V8-Marke ist). Der „mighty W12“ war eine typische Piëch-Idee: Die Ingenieure sollten zwei VR6 (wie er schon im Golf aufspielte) zusammentun und mit Turbo-Einsatz jenseits der 600 PS ernten. Niemand stößt sich auch an einer Bordelektronik, die funktioniert, bei aller Freude an englischer Eigenart. Und jetzt kommt auch noch Porsche ins Spiel.

So sieht es aus, wenn Sie den falschen Chauffeur engagiert haben: „Den Flug schaff ma noch, Meister!“(c) Mark Fagelson

Der Flying Spur ist Bentleys Angebot an Freunde der klassischen Limousine, ob sie nun selber fahren oder, wie in China üblich, einen Chauffeur ans Steuer setzen. Die dritte Generation, die technisch so gut wie nichts mit der davor zu tun hat, stärkt die Fraktion der Selbstfahrer: Niemals zuvor war ein viertüriger Bentley so dynamisch zu bewegen, und das liegt an den vielen Dingen unter dem Blechkleid. Alu-Chassis, Allradantrieb, Hinterachslenkung und eine aktive Wankstabilisierung, die über ein 48-Volt-Bordnetz betrieben wird, stammen allesamt vom Porsche Panamera der aktuellen Generation.

(c) Richard Pardon



Hört, hört, werden Bentley-Kunden sagen, mit einem Tonfall, der vermutlich anerkennend klingt. Wen sollte es stören, wenn die Fuhre geht wie der Teufel? Dass sie nicht wie ein Verschnitt aussieht, beweist die Kunstfertigkeit der Mannschaft in Crewe, sie hat dem Flying Spur einen gebührenden Auftritt verschafft: Eine Limousine ganz in markentypischer Opulenz, gewiss muskulös und mit knackig kurzen Überhängen. Mit mehr als 5,3 Meter Länge und fast 3,2 Meter Radstand ist sie nicht nur länger als der ausgelaufenene Flying Spur, sondern auch deutlich gestreckter als der Panamera. Verwechseln würde die beiden nicht einmal Oma Krause ohne Brille.

Die größte Bremsanlage in einem Serienauto: Zehn Kolben, 420 mm Durchmesser. Wird auch benötigt.(c) Richard Pardon



Der W12 ist komplett neu konstruiert, zweifellos ein Kapitel für sich mit seinem Drehmoment-Mittelgebirge von 900 Newtonmeter, das er noch unter 2000 Touren errichtet, quasi ab Losfahren, markanter noch ist aber der Wechsel des Getriebes. Bei Porsche heißt das nun einmal PDK, also Doppelkupplung, und damit war die alte Wandlerautomatik aus dem Rennen. Es wird auch auf den Verbrauchsvorteil des PDK verwiesen. Was der Flying Spur damit jetzt aber weniger gut kann, das ist das majestätische Anfahren, geschmeidiges Losrollen, wie es nur eine Wandlerautomatik zusammenbringt, während es nun doch harscher, mit einem Hauch von Ungeduld von der Kupplung geht. Ob die verwöhnte Klientel das goutiert? Hängt vermutlich davon ab, wie ausgeprägt ihr Sportsgeist ist. Mit einem Bentley war man immer schon auf der flotteren Seite, wenn man denn wollte. James Bond ist das beste Beispiel: In den Romanen des Ian Fleming fährt 007 nicht Aston Martin, sondern Bentley, und er schreckt auch vor Tuning nicht zurück, um seine Mühle noch schneller zu machen.

Der Eindruck täuscht: Die Instrumententafel ist nicht Chrom und Zeiger, sondern ganz digital.(c) Richard Pardon



Commander Bond hätte seine Freude am neuen Flying Spur. Dass wir nahe der zweieinhalb Tonnen liegen, wiegt im vollen ­Galopp auf den einsamen Bergstraßen in Monacos Hinterland weniger schwer als erwartet. Der Schwerpunkt liegt tief, die Wankstabilisierung leistet ganze Arbeit – wie ein Brett behält die Fuhre stets die Contenance –, die Hinterachslenkung und der elektronische Zauber des Torque Vectoring lassen erwartbares Untersteuern sich nahezu verflüchtigen. Es heißt festhalten im Fond! Und wer fährt: Den extra Sportwagen braucht man eigentlich nimmer.

Luxus ist längst nicht mehr Wurzelholz, Cohiba und prall gefüllter Motorraum, sondern – ja, was eigentlich? Wie zeitgemäße Insignien von Reichtum aussehen könnten, zeigt Bentley mit der Konzeptstudie 100 GT. Fürs Interieur wurde „mit Radiokarbonmethode datierte uralte Eiche“ verwendet, so Bentleys Nachhaltigkeitsprosa, „die vor über 5000 Jahren im tiefen Torf des ostenglischen Fenland-Beckens konserviert und von Fachleuten für Mooreichen bereitgestellt wurde“. Gut, dass nicht VW auf die Idee kommt, sonst könnte es knapp werden mit den Mooreichen. „Dazu haben wir recyceltes Kupfer durch das Holz fließen lassen, um die schönen, natürlichen Makel hervorzuheben“.
Kein Makel soll der elektrische Antrieb sein, der freilich mehr ein Wunschzettel an die Zukunft denn Realität ist: Festkörperakkus sollen 700 Kilometer Reichweite gewährleisten, dabei viel leichter sein als heutige. So soll das Fahrzeuggewicht auf unter 1900 kg kommen. Vier E-Motoren stellen maximal 300 km/h sicher.
Gedanken zur Nachhaltigkeit können sich die Insassen ungestört machen: Das Fahren übernimmt ein kybernetischer Chauffeur, Lenkrad und Pedale gibt es keine mehr. Wearables, smarte Oberflächen und intelligentes Glas sorgen stattdessen für Kurzweil während der Fahrt und referieren auf Wunsch über das Wildleben da draußen. Wenn’s so was dann noch gibt.

(c) Richard Pardon

Ein Porsche im Nadelstreif:

So athletisch war noch kein viertüriger Bentley: Der dritte Flying Spur mit Gruß aus Zuffenhausen.

Name : Bentley Flying Spur
Preis : 281.635 Euro
Motor : W12-Zylinder-Turbo, 5950 ccm
Leistung : 635 PS bei 6000 U/min
Gewicht : 2437 kg (EU)
0–100 km/h : unter 4,0 Sekunden
Vmax : 333 km/h
CO2 : 337 g/km laut Norm