Schnellauswahl
Anlage

Betreutes Wohnen als eigene Assetklasse

Das neue Südstadtzentrum in Maria Enzersdorf: Bei diesem Wohnprojekt, das 2021 fertig gestellt werden soll, sind auch 31 betreute Wohneinheiten und diverse Arztpraxen vorgesehen.
Das neue Südstadtzentrum in Maria Enzersdorf: Bei diesem Wohnprojekt, das 2021 fertig gestellt werden soll, sind auch 31 betreute Wohneinheiten und diverse Arztpraxen vorgesehen.(c) BME Baumanagement

Neue Wohnmodelle bringen Vorteile für die Bewohner, attraktive Renditen für Investoren, und die Gemeinden dürfen sich ebenfalls freuen.

Der demografische Wandel dürfte in den kommenden Jahren zu einer dynamischen Entwicklung des betreuten Wohnens führen. Laut einer Re/Max-Studie möchte zwar eine Mehrzahl der Österreicherinnen und Österreicher über 50 Jahren im Alter weiterhin in ihrer gewohnten Umgebung wohnen, „aber schon an zweiter Stelle bei den Wohnpräferenzen steht mit 23 Prozent das betreute Wohnen in barrierefreien, speziell für ältere Menschen adaptierten Wohnhäusern“, erklärt Bernhard Reikersdorfer, Geschäftsführer von Re/Max Austria. In diesen setzt man auf ein selbstbestimmtes Leben in einem sozialen Umfeld – mit Geschäften, Arztpraxen und Grünflächen in unmittelbarer Umgebung.

 

Private am Zug

Mit Heimen von vor 20 bis 30 Jahren sind die heutigen Pflegeimmobilien nicht mehr zu vergleichen. „Das Ziel ist es, den Menschen in betreute Wohnformen zu bringen, weil er es möchte, und nicht, weil er muss“, erklärt Oliver Großmann von der deutschen AviaRent, die ihren Fokus auf alternative Investments wie Pflegeimmobilien legt. Von staatlicher Seite werde es kaum möglich sein, die große Zahl an Betreuungsplätzen, die in den kommenden Jahren benötigt wird, zu schaffen. „Ohne privates Kapital wird der Bedarf in Zukunft nicht annähernd gedeckt werden können“, meint Yenna Haack. Für die AviaRent-CIO ist es auch nicht Aufgabe des Staats, Pflegeimmobilien anzubieten, sondern die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Unter anderem sollten verbesserte Arbeitsmarktbedingungen für das Pflegepersonal insgesamt geschaffen sowie die Bedingungen für die Schaffung neuer Pflegeplätze verbessert werden.

Uneinheitliche Verordnungen auf Länderebene und strikte Vorgaben erschweren derzeit nämlich die Projektentwicklung. „Der Bedarf an betreutem Wohnen ist österreichweit gegeben, die Fördersituation – und somit die Leistbarkeit für den Endnutzer – ist aber von Bundesland zu Bundesland verschieden“, sagt Silver-Living-Geschäftsführer Walter Eichinger. Die besten Förderbedingungen sowie geeignete Liegenschaften biete zurzeit die Steiermark. „Das betreute Wohnmodell ist in der Steiermark aufgrund der gedeckelten Mieten – mit Wohnungspreisen ab 390 Euro – selbst für Menschen mit Mindestpension eine gute Alternative“, erklärt Karl Trummer, Geschäftsführer von Silver Living Bau- und Projektbetreuung.

 

Hybrid-Angebote

Auch für die deutsche AviaRent ist das Bundesland die Nummer eins für Investments. Bereits sieben Seniorenresidenzen hat das Unternehmen dort erworben. „Prinzipiell schauen wir uns bei allen Investments die jeweilige Gesetzgebung im Bundesland und die Makroökonomie bei den Projekten an, um herauszufinden, ob diese auch funktionieren können“, erläutert Großmann.

„Die Häuser und die angebotenen Serviceleistungen werden noch stärker an die wachsenden Bedürfnisse der nächsten Generation an Kunden anzupassen sein“, blickt Eichinger in die Zukunft des betreuten Wohnens. Hohes Potenzial sieht Eichinger, der seit 2006 in diesem Segment aktiv ist, dabei in Hybridangeboten von Serviceimmobilien, bei denen zum Beispiel betreutes Wohnen mit Tagespflege kombiniert wird oder Kinderbetreuungseinrichtungen vorgesehen sind und somit generationenübergreifendes Wohnen ermöglicht wird. Ähnlich äußert sich Haack: „Betreutes Wohnen sollte innerhalb eines Quartiers als gesamtheitliches Konzept ausgeweitet werden, in dem mehr enthalten sein muss als betreutes Wohnen.“ Beispielsweise ein mehrgeschoßiger Hauptteil mit ambulantem Pflegedienst, einer Tagespflege und Wohnungen für Einzelpersonen. Der Gedanke dahinter: Nicht nur die Menschen im Quartier werden versorgt; das Quartier selbst schafft einen zusätzlichen Mehrwert für die Umgebung. Das Thema Impact Investing werde immer wichtiger. Haack: „Welche positiven Auswirkungen hat es, wenn wir ein Quartier entwickeln? Wir schaffen neue Pflege-, aber auch Arbeitsplätze. Damit verändern wir das Steueraufkommen in Gemeinden.“

Anleger wittern ebenfalls ein gutes Geschäft. „Vor 15 Jahren war betreutes Wohnen für die meisten Investoren noch eine Blackbox“, weiß Eichinger. „Heute wird es zunehmend als eigene, attraktive Assetklasse wahrgenommen.“ Durch neue Konzepte und architektonisch ansprechende Häuser ist sie vor allem für international tätige Investoren in EMEA interessant. Das bestätigt nicht zuletzt die von CBRE durchgeführte Studie Investor IntentionsSurvey 2019. Großmann bringt einen weiteren Faktor ins Spiel: „Die Rendite steht zwar im Vordergrund – am Ende wird es bei einem Investment aber zunehmend wichtiger, etwas Sinnvolles und Gutes zu tun.“

INFO

Unter „betreutem Wohnen“ versteht man eine Wohnform, die sich durch Barrierefreiheit und verschiedene Assistenzleistungen in der unmittelbaren Umgebung auszeichnet. Protagonisten, die sich in Österreich darauf spezialisiert haben, sind unter anderem Silver Living und Öko-Wohnbau. Betreutes Wohnen hat sich in den vergangenen Jahren zur eigenen Assetklasse entwickelt, von der sich Experten großes Potenzial erwarten. Hintergrund ist die rapide alternde Bevölkerung – eine Entwicklung, auf die immer mehr Developer mit zielgruppenorientierten Angeboten reagieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2019)