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Sollen wir uns alle gegenseitig bewerten?

Schüler können in Österreich künftig Lehrer per App benoten, gegenseitig bewerten sich Jugendliche schon länger im Netz. Wie verändern digitale Rating-Systeme unsere Welt? Diskutieren Sie mit!

Es ist eine puderrosa Welt, in der Lacie lebt. Eine Welt, in der Bewertungen die neue Währung sind. Ihre Bewohner bewerten nicht nur Produkte und Hotels, auch sie selbst haben ein Online-Sterne-Rating, das jeder einsehen kann - und das darüber entscheidet, ob man einen Job bekommt oder ein Haus in einer guten Gegend. Und so wertet sich Lacie durch das Leben, immer mit einem gekünstelten Lächeln auf den Lippen, bis ein Missgeschick ihr Leben verändert. Lacie (im Bild) ist eine Protagonisten der Science-Fiction-Serie „Black Mirror“, die manchmal schmerzlich nah an unserer Realität ist.

In China, zum Beispiel, kann man schon heute zum Triple-A-Bürger werden. Ein Social Credit System unterscheidet zwischen guten und schlechten Verhalten. Die Politik will die totale Kontrolle über ihre Bürger.

Aber wie ist es, wenn das ganze System auf Freiwilligkeit beruht? In Österreich macht derzeit etwa eine App Schlagzeilen, mit der Schüler ihrer Lehrer bewerten können, ähnlich wie den „Uber"-Fahrer. Nach Hass-Postings ist die App zwar offline gegangen, das soll allerdings nicht so bleiben. Die „Presse“ hat anlässlich der Debatte um die App ein „Pro“ und „Contra“ verfasst. Auch Querschreiberin Andrea Schurian hat sich bereits ihre Meinung gebildet. Sie fragt sich: „Finden das wirklich nur Spaßbremsen äußerst bedenklich?"

Wir geben heute im Netz jedenfalls bereitwillig vieles über uns preis - und erwarten Zustimmung, zum Beispiel für einen absolvierten Trainingslauf. Sammeln Sie schon Ihre Fitness-Daten? Oder: Wann sind Sie das letzte Mal in ein Hotel gegangen, ohne vorher die Online-Bewertungen zu lesen? Können wir dem „Krieg der Sterne“ überhaupt noch aus dem Weg gehen?

Besonders bei (ohnehin) verunsicherten Teenagern gibt es heute eine schonungslose Bewertungskultur. Jugendliche verwenden auch in Österreich mittlerweile die App Tellonym. Diese wirbt mit dem Spruch: „Finde heraus, was deine Freunde von dir halten“.

Dass sich die Gesellschaft im Datengefängnis befindet, ist kaum übertrieben.

Christoph Türcke 

Viele Intellektuelle zeigen sich besorgt über die Entwicklung hin zum gläsernen Bürger. Die Schriftstellerin Olga Flor hat im Spectrum der "Presse“ etwa ein Essay verfasst: „Was gratis daherkommt, wie etwa soziale Netzwerke, hat in Wahrheit einen hohen Preis, nämlich die Aufgabe privater und privatester Daten“, schreibt Flor. Auch der deutsche Philosoph Christoph Türcke philosophiert in der „Presse“ über die Datensammelei. Er schreibt: „Dass sich die Gesellschaft im Datengefängnis befindet, ist also kaum übertrieben. Echokammern, Bewertungswahn, digitale Paralleljustiz“.

(Anm.: Dieser Artikel wurde am 19. November aktualisiert)

Diskutieren Sie mit: Ist es zu begrüßen, wenn Lehrer ihre Schüler via App benoten? Befinden wir uns im Bewertungswahn? Oder bringt die Bewertungskultur im Netz überwiegend Vorteile? Und: Was geben Sie selbst über sich preis?