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Junge Forschung

Forschen ohne Tierversuche

Zellkulturen und Chemie statt Versuchskaninchen und Laborratten, das ist das Ziel von Elisabeth Mertls Forschung.
Zellkulturen und Chemie statt Versuchskaninchen und Laborratten, das ist das Ziel von Elisabeth Mertls Forschung.(c) Clemens Fabry

Die Mikrobiologin Elisabeth Mertl will die Zulassung von Medizinprodukten erleichtern. Sie entwickelte Tests, die schneller und zuverlässiger arbeiten als Versuche mit Labortieren.

Ein Tapetenwechsel nach dem Studium? Das kam für Elisabeth Mertl nicht infrage. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits vier Jahre am Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik, kurz OFI, verbracht. Es passte einfach alles: ein Arbeitsumfeld, in dem Kollegen zu Freunden und ihre Meinungen ernst genommen wurden. Also blieb sie – und feiert heuer achtes Firmenjubiläum.

Ihrer Karriere hat es nicht geschadet, im Gegenteil. Mit nur 27 Jahren hat sie eine Promotion und einen kleinen wissenschaftlichen Durchbruch vorzuweisen: Ihr gelang es, am OFI Verfahren für die Hautverträglichkeit von Gesundheitsprodukten zu entwickeln, die ausschließlich Zellkulturen und Chemie nutzen. Diese sogenannten In-vitro- bzw. In-chemico-Tests kommen ganz ohne Tiermodelle wie Mäuse oder Hasen aus. Dafür müssen sie eine letzte Hürde überwinden: die Aufnahme in das Protokoll der Internationalen Organisation für Normung, kurz ISO.

 

Vom Maushaus zur Zellkultur

Statt wie ursprünglich geplant Medizin zu studieren – ihr graute vor dem Ärztealltag –, entschied Mertl sich für das Studium der Biotechnologie an der Universität für Bodenkultur Wien (Boku): „Mir war früh klar, dass ich eine Naturwissenschaft studieren möchte. Nicht zuletzt wegen der weißen Kittel, die man da tragen darf.“ Die Kindheit im Burgenland lieferte die Voraussetzungen: eine Leidenschaft für das Rätsellösen, eine Biologielehrerin, der man die Leidenschaft für das Fach anmerkte und eine unterstützende Familie. Das erste Praktikum führte die Studienanfängerin ins „Maushaus“ des Instituts für molekulare Biotechnologie in Wien, dorthin also, wo Mäuse zu Hunderten gezüchtet wurden, um als Versuchstiere ihr Dasein zu fristen. Ein Zufall, dass sie nun an der Obsoleszenz von Tierversuchen in der Medizintechnik arbeitet? „Es fühlt sich auf jeden Fall gut an, jetzt auf der anderen Seite zu stehen“, sagt Mertl. Es folgten der Master an der Boku und die Promotion an der Technischen Universität Wien.

Heute arbeitet Mertl im Labor mit Zellkulturen, an welchen sie möglicherweise irritierende, in Produkten wie Hörgeräten oder Prothesen verarbeitete Substanzen testet. Die Schwierigkeit: Auszüge dieser Produkte so mit den Zellen in Kontakt zu bringen, dass ihr Potenzial für Hautirritationen oder Sensibilisierungen des Immunsystems erkannt wird. Genau jenes Verfahren hat sie nun zusammen mit Kollegen am OFI sowie der Fachhochschule Campus Wien zur Perfektion gebracht.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie zeigte das Team, dass die Methodik in 95 Prozent der Fälle schon kleine Mengen der betreffenden Substanzen nachweisen kann. „Wenn wir etwas anbieten können, das zuverlässiger arbeitet als ein Mausmodell, dann gibt es eigentlich keinen Grund, noch einen Tierversuch zu fordern“, hofft Mertl. Mit dieser Logik engagiert sie sich nun für die Integration der In-vitro-Tests in den internationalen Normenkatalog der ISO, dessen Vorschriften dieser Tage überarbeitet werden.

Trotz der kontinuierlichen Reise durch die akademischen Ränge blieb Zeit für die Entdeckung der Welt, eine Leidenschaft der Nachwuchswissenschaftlerin: „Beim Reisen geht es mir vor allem darum, die Komfortzone zu verlassen.“ Die drei Monate, die sie nach dem Bachelor in Nepal verbrachte, wirken bis heute nach: „Wenn es mal wieder stressig wird, denke ich an die Reisfelder und die Familie, bei der ich dort einige Wochen verbrachte und weiß wieder, worauf es ankommt.“ Was es ist, das Wesentliche? Mertls Antwort ist Zufriedenheit.

Arbeit und Zufriedenheit fallen bei ihr zusammen, insbesondere seit sich die investierte Arbeit in handfesten Erfolgen niederschlägt. Im Oktober erhielt sie den ACR Women Award der Austrian Cooperative Research, des Dachverbands angewandter Forschungsinstitute, zu dem auch das OFI gehört. Auch dass ihr eigenes Institut ihr die perfekte Balance zwischen Beruf und Freizeit bietet, sorgt für die richtige Motivation. In zwei großen Forschungsvorhaben hat sie bereits die Projektleitung übernommen.

ZUR PERSON

Elisabeth Mertl ist Wissenschaftlerin am Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik (OFI) in Wien. Hier entwickelte sie marktreife Hautverträglichkeitstests an In-vitro-Modellen, die zur Zulassung von Medizinprodukten genutzt werden könnten. Für ihre Arbeit erhielt sie im Oktober 2019 den ACR Women Award der Austrian Cooperative Research.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2019)