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Blenden und täuschen: Ruja Ignatova ist vor zwei Jahren spurlos untergetaucht.
Onecoin

Das Pyramidenspiel der „Kryptoqueen“

Der Strukturvertrieb Onecoin gab sich als Kryptowährung aus und prellte weltweit mehr als eine Million Menschen um Milliarden. Nun hat der Bruder der seit zwei Jahren untergetauchten Gründerin vor einem US-Gericht ausgepackt.

London, Wembley-Arena, 11. Juni 2016. Unter Rauchschwaden und Lichteffekten, begleitet von Alicia Keys' Lied „This Girl Is on Fire“, betritt die 36-jährige Deutschbulgarin Ruja Ignatova eine Bühne vor Tausenden Anhängern. Rote Abendrobe, wallende Lockenmähne, Diamantohrringe: „Dr. Ruja“, wie sie sich nennen lässt, hat ihrem Publikum Großes mitzuteilen. „Wir werden Geschichte schreiben“, verspricht sie. „Wir werden den Regulatoren sagen, dass wir die transparenteste, sicherste und mächtigste Kryptowährung sind. Wir werden die erste Wahl der Händler sein, der Aufseher und der Regierungen. In zwei Jahren wird niemand mehr über Bitcoin reden.“

Was Ignatova verschwieg: Zum Zeitpunkt dieses Investorenspektakels hatte sie den Vertrieb ihrer angeblichen Kryptowährung Onecoin in ihrer eigenen Heimat, Bulgarien, seit mehr als einem halben Jahr beendet. Denn die bulgarische Finanzmarktaufsicht hatte offiziell davor gewarnt, in Onecoin zu investieren. Das vermeintliche Hauptquartier befand (und befindet) sich zwar in Sofia. Doch der Zahlungsverkehr wurde über ausländische Banken abgewickelt, eingewoben in eine Schachtelkonstruktion von Briefkastenfirmen in Offshorezentren wie Dubai und Belize. Von Bitcoin spricht man – entgegen ihrer Ankündigung – auch heute noch, dreieinhalb Jahre nach der Londoner Bühnenshow. Von Onecoin auch: allerdings als globalem Finanzbetrug, der möglicherweise die Schadenssumme von umgerechnet rund 19 Milliarden Euro übertreffen könnte, welche der Schneeballbetrug von Bernie Madoff verursacht hat.